Rumänische Literatur

23. Mai 2024. Mircea Cărtărescu hat kürzlich den Dubliner Literaturpreis gewonnen. Das ist ein guter Anlass, um mal breiter auf die rumänische und auf Cărtărescus Literatur zu blicken. Es lohnt sich, denn die rumänische Literatur ist so vielfältig wie das Land, aus dem sie hervorging: (Post-)moderne Poetiken treffen auf südosteuropäischen Tumult. Die Lyrik des Surrealisten Gellu Naum (hier in der Lyrikanthologie von Ernst Wichner vorgestellt) zeigt, wie sehr die Literatur am Rande Europas Teil der europäischen Avantgarde war. Nicht weniger repräsentativ für diese Sichtweise ist der früh an Tuberkulose verstorbene M. Blecher, der sich in Zeiten körperlicher Lähmung in langen Monologen auf Reisen durch die Tiefen seines Inneren begab. Mihail Sebastian, der unter ungeklärten Umständen ebenfalls früh verstarb, schildert in seinem Tagebuch sein Leiden unter dem Antisemitismus im Rumänien der Zwischenkriegszeit. Mircea Cărtărescu und Gabriela Adameșteanu erzählen in einer bizarren Mischung aus trostloser Nostalgie und aufgegebener Zukunftshoffnung vom Leben im Staatssozialismus der Nachkriegsjahre. Norman Manea berichtet zusätzlich auf tragikomische Weise auch über die Erfahrung des Exils und der Unmöglichkeit, nach dem Verlassen der Heimat im Osten, ein neues Zuhause zu finden. Lavinia Braniște schließlich, eine der spannendsten Stimmen der rumänischen Gegenwartsliteratur, schreibt über die unvollendete Verarbeitung der sozialistischen Vergangenheit, während schon die turbokapitalistische Zeitenwende anbricht.