Als Elsa Morantes Roman "La Storia" 1974 in Italien erschien, war er beim Publikum ein Erfolg, bei der Kritik nicht, klärt Rezensent Eberhard Rathgeb auf. Der Roman über eine junge Grundschullehrerin aus armen Verhältnissen, die 1941 von einem deutschen Soldaten vergewaltigt wird, zwei Söhne auf die Welt bringt, Besatzung und Naziterror überlebt, beide Söhne nach dem Krieg verliert und schließlich in der Psychiatrie stirbt, kam im angespannten marxistischen Italien der Siebziger nicht gut an, weiß der Kritiker. Und auch heute verlangt der Roman dem Leser einiges an Geduld ab, fährt Ratheb fort, aber trotz einiger Längen lohnt die Mühe. Morante scheint den Roman in einem "Rausch" geschrieben zu haben, glaubt der Rezensent, der sich von dem überschäumenden Sprachfluss mitreißen lässt, das "Glitzen, Glimmern und Glitschen" von Fischleibern eher wahrnimmt als Reflexionen, "Ironie und Witz" und dennoch die Stimmen all jener vernimmt, die in der "Maschinerie der Herrschaft" untergingen. Einem Roman, der so lange nachhallt und das "Band der Nähe", das alle Wesen miteinander verbindet, offenlegt, verzeiht Rathgeb auch den ein oder anderen naiven Moment.