Als "tiefenpsychologisches Meisterwerk" beurteilt Evelyn Finger in ihrer Besprechung - dem Aufmacher der Literaturseiten - den neuen McEwan-Roman: ein Buch "über die Literatur", das "gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist". Aus einer simplen Schwesterngeschichte macht der "grandiose Stilist" hier "Welttheater", schreibt sie, und das geht so: die 23-jährige Celia wird von ihrer 13-jährigen Schwester Bryony beim unstandesgemäßen Liebesakt in der Bibliothek des Landsitzes ihrer Eltern erwischt; die nachfolgenden Intrigen, die der überhitzten "Fantasie eines erregten Teenagers" entspringen, stürzt die beiden Liebenden ins Unglück. Der Clou der Sache sind jedoch nicht die daraus folgenden Irrungen und Wirrungen, sondern Bryonys Wille zur Dichtung, denn tatsächlich fragt dieses Buch, so Finger, "nach der Moral des Schreibens... als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet". Während der zweite Teil des Romans, der hier "abrupt auseinanderbricht", sich auf die Ebene des Weltgeschehens begibt - durch Verlegung der Handlung auf die Schlachtfelder und in die Lazarette des Ersten Weltkrieges - wird der Beginn, ein "Glanzstück dichterischer Liebeskunst", so Finger, im dritten Teil grandios gespiegelt durch ein "Kammerspiel" des Wiedersehens. Evelyn Finger ist hingerissen von allem: von den literarischen Anspielungen auf Eugene O?Neill oder W.H. Auden, die sie entdeckt hat ebenso wie der Darstellung von "Literatur und Liebe" als heikelster Form der "Sinngebung", in der das Lügen nicht nur Trost ist, sondern sich als höhere Wahrheit behauptet.