Schon als Kind hat Wassili Golowanow von einer Insel geträumt, von einem "sich in feierlicher Hoffnungs- und Hortlosigkeit" ausdehnenden Land, berichtet Karl-Markus Gauß. Die Insel Kolgujew ist definitiv ein solches Land, weiß der Rezensent nach der Lektüre von Golowanows Buch "Die Insel", das eine Art Mischung aus Essay, Reportage und wissenschaftlichem Bericht ist, durchdrungen von den Kindheitsfantasien des Autors, die ihn wie magisch an diesen Ort gezogen haben. Kolgujew liegt in einem Randmeer des Arktischen Ozeans, hat einen Durchmesser von etwa achtzig Kilometern und wird von gerade einmal fünfhundert Menschen bewohnt, erfährt Gauß vom Autor. Die Bewohner sind größtenteils Angehörige der Nenzen, eines indigenen Volkes im Nordosten Russlands, erklärt der Rezensent. Golowanow beschreibt, wie die Nenzen zuerst durch die Verwaltung der Sowjetunion von ihrer traditionellen Lebensweise abgebracht wurden und wie sie nach dem Zusammenbruch mit kaum mehr erinnerten Traditionen konfrontiert sind, während die Insel verwahrlost. Golowanow hält fest, wie eine kleine Gruppe "ihr Gedächtnis verliert", berichtet Gauss überwältigt.