Rezensent Gustav Seibt setzt in seiner bisher nur online erschienenen Kritik zunächst mit einer Hymne auf Timothy Garton Ash an, diesen "Supereuropäer", der immer zur rechten Zeit am rechten Ort war: Er lernte noch den sowjetischen Kreml vor Gorbatschow kennen, begleitete die Wiedervereinigung, traf Putin in den Neunzigern und unterrichtete Orban in Oxford. Dies sind nur einige der Stationen, von denen Garton Ash in seinem inspirierenden und persönlichen Buch berichtet, erklärt der Kritiker, der das Werk irgendwo zwischen "staatsmännischer Memoirenliteratur und Geschichtsschreibung" sieht. Und doch wird Seibt mulmig zumute bei der Lektüre. Das liegt nicht an Garton Ash, der so schreibe, als würde er vor einem Kaminfeuer erzählen, versichert der Kritiker. Aber von der Hoffnung und dem Aufbruchsgeist, mit der die europäische Geschichte der letzten Jahrzehnte bei Garton Ash beginnt, ist heute nicht mehr viel übrig: Der Autor legt Seibt etwa dar, wie Putin bereits im Schatten der westlichen Auseinandersetzung mit den Folgen des 11. Septembers sein Land zur Diktatur umbaute. Der Liberalismus sei "faul, selbstverliebt und übermütig" geworden, nachdem ihm die Konkurrenz durch Faschismus und Kommunismus fehlte, diagnostiziert Garton Ash außerdem. Die Grundproblematik der EU kommt Seibt hier allerdings zu kurz: Für den Kritiker besteht dieser im Widerstand vieler europäischer Länder gegen den Abbau des Nationalen.