Rezensentin Sieglinde Geisel zeigt sich von Elisa Hovens Episodenroman begeistert, in dem die Autorin mit großer juristischer Expertise Graubereiche des Strafrechts auslotet. Neun Fälle beleuchten Momente, in denen das Rechtssystem an seine Grenzen stößt. Stilistisch und strukturell lehnt sich Hoven an Ferdinand von Schirach an, doch anders als er geht sie psychologisch tiefer, lässt ihre Ich-Erzählerin, die Rechtsanwältin Eva Herbergen, mit moralischen Zweifeln ringen. Auch die Anwältin hat Schuld auf sich geladen, handelt fragwürdig - oft in dem Versuch, Gerechtigkeit außerhalb des Systems herzustellen, resümiert die Kritikerin. Geisel lobt die kluge Einbindung juristischer Fragen, auch wenn der Roman literarisch konventionell bleibe. Doch genau darin liege seine Stärke: Kunst ist hier Mittel zur Reflexion über Recht, Schuld und Verantwortung, lobt Geisel. Am Ende erklärt Herbergen, dass es ihre Pflicht sei, Menschen vor Strafen zu bewahren, "selbst, wenn sie schuldig sind" - und die ganze Ambivalenz des Rechts in einem einzigen Moment einfängt, schließt Geisel nachdenklich.