Rezensentin Judith von Sternburg liest Haruki Murakamis "Die Stadt und ihre ungewisse Mauer" mit einem speziellen Vergnügen, wenngleich es nicht dessen originellster Roman ist, auch nicht sein packendster und sicher nicht der schlüssigste. Die Geschehnisse folgen scheinbar ziellos aufeinander: Ein junger Mann verliebt sich in ein Mädchen, das Mädchen erzählt von einer geheimnisvollen Stadt, an deren Toren man seinen Schatten abgeben muss, in der die Zeit anders abläuft und die von einer organische Mauer umgeben ist, dann verschwindet das Mädchen, der Mann wird alt, gelangt selbst in die Stadt, unterhält sich mit seinem Schatten, kehrt wieder zurück in das was man in Ermangelung eines treffenderen Begriffs "die Wirklichkeit" nennen kann. Vieles wiederholt sich - Begebenheiten, Personen, Formulierungen - immer nur mit minimaler Abweichung, und der Sinn, den man hinter allem vermutet, ist höchstens ein privater, der sich nur "der Fantasie des Einzelnen" oder der Einzelnen erschließt, so Sternburg. Die Lektüre ist damit auf Dauer wohl etwas trocken, doch nicht ohne Reiz, betont Sternburg. Und diese Trockenheit, diese Kargheit des Abgrundes, den Murakami hier erforscht, hat Programm! Zudem wird man als Leserin oder Leser immer wieder belohnt mit fantastischen Vergleichen, einer feinen Dramaturgie, überraschenden Wendungen, viel Atmosphäre und dem gewohnt kunstvollen Murakami-Stil, den Ursula Gräfe hervorragend ins Deutsche zu übertragen weiß, so die Rezensentin.