Mit ihrem Debütroman ist Künstlerin und Autorin Anna Schapiro ein überzeugendes Buch über post-sowjetisches Judentum in Deutschland gelungen, findet der beglückte Kritiker Tino Schlench: Ihre Erzählerin Anja ist Mitte 30 und fragt sich, was eigentlich ihre Identität ist und wie sie sich entwickeln konnte. Schapiro reiht sich mit den Fragen nach Migrationserfahrungen, Sprachfindung, Mehrsprachigkeit und deutsch-jüdischer Vergangenheitsbewältigung bei Schriftstellerinnen wie Olga Grajsnowa oder Lena Gorelik ein, zeigt aber laut Schlench auch, dass diese Themen noch längst nicht zu Ende erzählt sind. Der Autorin geht es auch um Fragen zum Kern der Familie, sie lässt ihre Protagonistin mit einem Aufnahmegerät ausgestattet auf der Beerdigung der Großmutter herumstreifen, die Familienmitglieder, die auch in die USA oder nach Israel ausgewandert sind, erzählen vom sowjetischen Antisemitismus oder von der Forschungskarriere der Oma, die privat viel weniger liebevoll wirkte als bei der Arbeit. Beeindruckend findet der Rezensent, wie poetisch Schapiro schreibt, das erste Kapitel sollte man ihm zufolge am besten laut lesen, um den Rhythmus ganz zu erfassen. Dass das Schlusskapitel ein bisschen ausfasert, stört Schlench dabei kaum, für ihn ist das Debüt äußerst lesenswert.