Außerordentlich lohnende Lektüre, meint Rezensentin Cornelia Geißler über Gerti Tetzners ursprünglich 1974 in der DDR erschienenen Selbstermächtigungs-Roman über Karen Waldau, eine Frau, die nach einer unglücklichen Ehe ihren Mann verlässt und mit ihrer Tochter Bettina ins ländliche Dorf Osthausen zieht. Der aufgrund des 80. Verlagsjubiläums neu aufgelegte Text ist für Geißler kein bloßes Vergangenheitsdokument; seine Fragen rund um die Schwierigkeiten eines selbstbestimmten, neuen Lebensanfangs bleiben aktuell. In den damit verbundenen Hürden, die die Figur Karen überwinden muss, sieht Geißler autobiografische Parallelen zum Leben Tetzners, die eigentlich Jura studierte und als Notarin arbeitete, bevor sie sich gänzlich dem Schreiben widmete und unter anderem mit Gegenwartsautorinnen wie Christa Wolf Kontakt aufbaute. Demnach gibt es auch Echos von Wolf, die Geißler in Tetzners skeptischem Ton zu hören glaubt. Begeistert ist sie von Tetzners erzählerischen Eigenheiten, der Natürlichkeit, mit der sie etwa Karens Wiederbegegnung mit einer Jugendliebe beschreibt oder die belebte Eigenständigkeit, die sie Karens junger Tochter verleiht. Dass der Text nie beurteilt, ob Karens Entscheidung die richtige war, findet Geißler konsequent und zeitlos.