Ganz glücklich wird Rezensentin Eva Behrendt nicht mit Ulla Lenzes neuem Roman. Dabei stecken in ihm, lernen wir, viele interessante Themen, und auch erzählerisch ist er ambitioniert, spannt sich über drei Zeitebenen auf: Da wäre erstens die wohnungssuchende Vanessa, die sich für das Leben ihrer Großmutter Johanna Schellmann zu interessieren beginnt, die Schriftstellerin war; zweitens begegnen wir dieser Johanna Schellmann im Jahr 1967, zu einer Zeit, als ihr literarisches Schaffen in Frage gestellt wird; und drittens, das ist der Hauptteil des Buches, geht es zurück ins Jahr 1908, als ebenfalls Johanna Schellmann eine Psychiatriepatientin kennenlernt . Die Hauptfigur Johanna Schellmann bleibt bei Lenze ambivalent, schildert Behrendt, sie ist einerseits privilegiert, andererseits möchte sie sich gesellschaftlichen Zwängen entziehen, auch sonst spielen soziologische Themen wie Klassengesellschaft und die Auswirkungen der Industrialisierung in diesen Roman hinein. Nicht wirklich gelungen ist laut Behrendt allerdings die erzählerische Konstruktion, die Passagen über Vanessa und die alternde Schriftstellerin sind nicht allzu spannend und auch die prinzipiell stärkeren Teile, die sich dem Verhältnis Johanna Schellmanns und der Patientin widmen, leiden darunter, dass wir zu wenig über letztere erfahren. So wirkt das prinzipiell schön unprätentions geschriebene Buch leider oft etwas bemüht, ärgert sich die Rezensentin abschließend.