Anne Rabes Roman steht auf der Shortlist des diesjährigen Buchpreises, Charlotte Gneuß' Roman löste eine Debatte aus, nachdem der Schriftsteller Ingo Schulze der Autorin historische Fehler vorwarf. Dirk Knipphals liest beide Roman im Vergleich - und mit Gewinn. Vorweg erinnert er Gneuß' Kritiker nochmal daran, dass es sich durchaus um Literatur handelt. Beide Romane arbeiten an dem, was Gneuß in einem FAZ-Gespräch als "ein 1968 für unsere Ostgeschichte" bezeichnet hat, hält er fest. Und beide Romane leisten Wichtiges, meint Knipphals: Sie konzentrieren sich auf das Private, das, was in den Familien vor und kurz nach der Wende los war. Beide Heldinnen werden von ihren Familien vernachlässigt, bei Gneuß ist es ausgerechnet ein Stasi-Mann, der sich Protagonistin Karin annimmt. Rabe greift vor allem die Gewalt in den Familien auf, die ihre Heldin zum Kontaktabbruch bewegt, resümiert Knipphals. Dass die Familien keineswegs Schutzräume waren, die "emotionale Vernachlässigung" gar staatlich unterstützt wurde, machen dem Kritiker die beiden Romane analytisch und überzeugend klar. Auszusetzen hat er an den Büchern nichts.