Eine kluge Annäherung an Alfred Andersch liefert dieser 20. Band der Jahrbuchserie, die sich der Literatur der 1950er widmet, findet Rezensent Helmut Böttiger. Interessant ist das auch deshalb, erläutert Böttiger, weil Anderschs Reputation in den 1990ern gelitten hatte, als W.G. Sebald gegen den Schriftsteller Vorwürfe erhob, die dessen Scheidung von seiner ersten, halbjüdischen Frau im Jahr 1943 sowie einen Text über einen Wehrmachtsdeserteur betrafen. Zumindest teilweise widerlegt beziehungsweise relativiert der Band Sebalds Vorwürfe, urteilt Böttiger, der in diesem Zusammenhang unter anderem auf einen Beitrag verweist, der sich mit Anderschs zweiter Frau Gisela Groneuer beschäftigt. Auch ansonsten wird hier ein erfreulich unpolemisches, nicht moralisierendes und vielseitiges Andersch-Bild gezeichnet, freut sich der Kritiker, für den der Band ein gutes Beispiel dafür ist, was ein neuer Blick auf die jüngere Literaturgeschichte leisten kann.