Ein faszinierendes, vielschichtiges, in mindestens einem Detail auch ein bisschen problematisches Buch legt Lea Ypi hier vor, so Rezensent Alexander Cammann. Die albanischstämmige, linke Historikerin Ypi widmet sich darin, meint man jedenfalls zunächst, ihrer Großmutter Leman "Nini" Ypi, Anstoß zum Buch gibt eine Fotografie der Frau, beziehungsweise die wütenden Kommentare von Facebooknutzern zu dem Bild. Um ihre Großmutter zu verteidigen, die auf dem Bild mit einem Mussolini-Kollaborateur abgebildet ist, hat Ypi jetzt dieses Buch verfasst, das Geschichtsreflexion, biografische Recherche und Fiktion geschickt verschränkt, erklärt der Rezensent. Basierend auf Archivfunden geht es zurück ins Leben Ninis, ins multiethnische Saloniki zunächst, wo Nini aufwächst, später lässt sie sich trotz Anfeindungen in Albanien nieder, wo ihre Familie von der kommunistischen Diktatur verfolgt wird. Die Schlüsselstelle des Buches: Es stellt sich schließlich heraus, dass Ypi der falschen Nini hinterher recherchiert hat, tatsächlich ist die, deren Leben sie entlang der Quellen, aber auch ihrer eigenen literarischen Phantasie reimaginiert hat, gar nicht mit ihr verwandt. Im Folgenden überlegt sich Cammann, was von dieser Volte zu halten ist: Sie fügt dem Nachdenken über Geschichte und Fiktion sicherlich neue Facetten hinzu, aus der Perspektive eines Historikers ist sie hingegen problematisch, findet er, da sie zum Beispiel, entlastenden Mythen hinsichtlich des real existierenden Sozialismus zuarbeiten kann. In all seiner Ambivalenz bekommt das Buch für Cammann dennoch viel von der Zeit, die es beschreibt, zu fassen.