Es sind die Gleichzeitigkeiten, so der Rezensent Niels Werber, denen die an Abfolgen interessierten Analysen der (Geschichts- und anderer) Wissenschaften am schwersten auf die Schliche kommen. Hans-Ulrich Gumbrecht hat aus der Geschichte eine Scheibe der Gleichzeitigkeit herausgeschnitten, beschränkt sich in seinem Zeitpanorama auf ein einziges Jahr, 1926 - und fragt nach der Gemeinsamkeit der Ereignisse, "die zunächst nichts gemein haben als die Zugehörigkeit" zu diesem Jahr. Was er findet, sind, mit einem Begriff von Michel Foucault, "Dispositive" - also bereits ins unthematisierte Selbstverständnis eingelassene Vorannahmen und Denk- und Handlungsvoraussetzungen. Ein solches Dispositiv, das Gumbrecht aufspürt, ist die "Ideologie der totalen Planbarkeit aller materiellen, sozialen und psychischen Prozesse" - zitiert werden hier Texte von Asja Lacis bis Ludwig Wittgenstein, von Walter Gropius bis Bertolt Brecht. Methodisch, so Werber mit Gumbrecht, ist das die Annäherung an die Geschichte über das Prinzip des Hypertexts: Man klickt sich von (überraschender) Ähnlichkeit zu Ähnlichkeit, das Dispositiv bildet sich über Häufigkeiten gemeinsamen Auftauchens disparater Gegenstände. So können etwa Hitler und Kafka in ihrer Gemeinsamkeit der Bürokratiefeindschaft in einen Zusammenhang gebracht werden. Des partiell Willkürlichen seines Vorgehens ist sich Gumbrecht bewusst, es geht ihm um die Erzeugung der "Illusion der direkten Vergangenheitserfahrung" und der Rezensent hält dieses Vorhaben für "grandios gelungen".