Der neue Roman soll also autobiografisch sein, nur leicht verhohlen die Geschichte einer Affäre zwischen Alt (Bodensee) und sehr Jung (Amerika) erzählen - nun gut, meint Burkhard Müller, der Walsers Werk nicht nur genau kennt, sondern sozusagen kritischer Fan ist (wobei seit den Siebzigern die Kritik überwog), und jetzt im Rückblick feststellt, dass die Vermutung stimmen mag, aber gar nicht so aufregend ist. "Der Augenblick der Liebe" sei nämlich eine Neuauflage von "Die Brandung" - schon damals hatte Walser einen älteren Herrn die Liebe zu einer jungen Frau erfahren lassen. Und der Blick zurück sei insofern aufschlussreich, als man erkenne, wie treu sich Walser schon damals war und seitdem geblieben ist - Figuren, die man damals für satirische Erfindungen hielt, waren wohl, meint Müller, sehr viel näher am Autor dran als gedacht. Aus dieser Nähe mache Walser nun auch keinen Hehl, sondern presche geradezu trotzig nach vorn: "Wie kommt es, so fragt das ganze Buch, dass die Liebesbedürftigkeit und auch die Liebesfähigkeit des Greises als schlechthin peinlich zu gelten hat? Wohlan denn, sei es peinlich!" Walser ist beim Schreiben schamlos, dass macht für Müller einen Teil seiner Qualität aus, und deshalb gebe es im neuen Buch allerhand Stellen, die - schön affirmativ mit der Altersgeilheit herausplatzend - weh tun: Sie sollen weh tun. Rezensent Müller findet Walser auch sonst in Hochform, lobt besonders dessen Spezialität, die ebenso hellsichtige und voreingenommene erlebte Rede. Doch hat er auch Einwände, die er sozusagen gegen seine eigene Lesart ins Spiel bringt: "Ganz so leicht, indem man einfach sagt, Walser habe den Kitsch ja so gewollt, sollte man ihn doch nicht vom kritischen Haken lassen." Zum Beispiel was die Sachen angeht, die er anderen Figuren angedeihen lässt. Zum Beispiel der jungen Geliebte, die am Ende ein Ekelpaket heiraten muss, weil der alte Liebhaber zur Gattin zurückgekehrt ist.