Wer arm ist, war wohl zu faul; wer krank ist, hat sicher zu ungesund gelebt; wer einen Übergriff erlebt, war vielleicht zu aufreizend angezogen - so beschreibt Rezensentin Andrea Gerk eine der "Grundideologien" unserer kapitalistischen Gesellschaft. In dem von Ann-Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt herausgegebenen Band untersuchen 13 Autorinnen und Autoren, wie sich diese "Selbst-Schuld"-Ideologie in den verschiedensten Lebensbereichen auf das Individuum und die Gesellschaft auswirkt. Ihre mal eher essayistischen, mal eher autofiktionalen, jedoch immer recht persönlichen Antworten auf diese Frage sind facetten- wie erkenntnisreich, aufrüttelnd und oft überraschend, so Gerk. Ihre zentrale These: Indem die Schuld dem Individuum zugeschoben wird, ja überhaupt erst gestellt wird, werden gesellschaftliche Missstände verdeckt, Solidarität wird verhindert und es wird abgelenkt von den Verantwortlichkeiten des Rechtsstaates. Was Gerk jedoch fehlt, ist etwas mehr von jenen tiefer schürfenden, grundsätzlichen Überlegungen, die etwa Anke Stelling in ihrem Beitrag über das Thema Schuld anstellt. Denn Schuld ist ja nicht erst mit der neoliberalen Ideologie entstanden, so die Kritikerin.