Moby-Dick, längst ein Klassiker der amerikanischen Literatur, ist ein monströses Buch, wie es keines zuvor und nach seinem Erscheinen im Jahr 1851 gegeben hat, meint Dieter E. Zimmer. Pünktlich zum 150-jährigen Veröffentlichungsjubiläum ist nun eine deutsche Neuübersetzung - die siebte - erschienen. Genauer gesagt gibt es zwei Neuübersetzungen, eine von Matthias Jendis und eine von Friedhelm Rathjen, denn, weiß der Rezensent, die Übersetzungsarbeit hatte Rathjen und Jendis, der zunächst Rathjens Text redigiert hatte, so sehr entzweit, dass der Hanser-Verlag die Aufgabe Jendis übertrug und Rathjen nun Auszüge seiner Übersetzung in der Zeitschrift "Schreibheft" veröffentlicht hat. Zimmer hat sie beide gelesen und mit dem Original verglichen. Jede der Übersetzungen spricht für sich, meint der Rezensent, aber beide sprechen eine unterschiedliche Sprache.
1) Herman Melville: "Moby-Dick"
Zunächst spendet Zimmer Daniel Göske, Herausgeber der Hanser-Ausgabe, ein dickes Lob, denn die Ausgabe ist mit einem "vorzüglichen" Anmerkungsapparat versehen, befindet der Rezensent. Auch wenn es schon sechs Übertragungen ins Deutsche gibt, die Zimmer durchweg recht gelungen findet, hält er Jendis' Text nicht für überflüssig. Er sei zwar eher explikativ angelegt und glätte zugunsten einer leichteren Lesart manch verschrobene Schreibweise des Autors, trage also mithin zu einer "Schönung" des Originals bei, aber die unterschiedlichen Sprachstile Melvilles seien trotzdem erhalten geblieben. Einen Vorzug gegenüber den vorangegangenen Übersetzungen sieht Zimmer darin, dass Jendis deren Schnitzer weitgehend korrigiert hat, eine präzisere nautische Terminologie verwendet und dem Leser die Sprache Melvilles als historisches Phänomen vorführt.
2) "Schreibheft - Zeitschrift für Literatur", 57/2001
Weniger positiv schneidet Rathjens Übertragung ab. Die Zeitschrift "Schreibheft" hat daraus 28 Kapitel (1.000 Seiten umfasst Rathjens Manuskript im Ganzen) abgedruckt. Rathjen ist für Zimmer zwar der genauere Übersetzer, aber sein Anliegen, Melvilles brüchige Literatursprache in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit originalgetreu ins Deutsche zu übertragen, hält der Rezensent für gescheitert. Einerseits hat sich Rathjens Akribie für den Rezensenten nach einem genauen Abgleich mit dem Original streckenweise als bloßer Schein erwiesen, andererseits solle sich der Leser, der es so genau wissen will, grundsätzlich immer an das Orginal halten, findet Zimmer. Schlecht sei Rathjens Übersetzung nicht, für Zimmer ist sie schlicht ein Irrtum.