Hymnisch bespricht Rezensent Karl-Markus Gauß den neuen Roman von Michael Köhlmeier, der ihn auf eines der sogenannten Philosophenschiffe führt, die auf Lenins Anordnung unliebsame Wissenschaftler, Künstler und Ärzte außer Landes bringen sollten. Auf jenem Schiff aber, das Köhlmeier mit zwei Dutzend Passagieren in See stechen lässt, befindet sich Lenin höchstselbst, verrät der Kritiker. Er folgt hier einem Alter Ego des Autors, der sich mit der berühmten Architektin Anouk Perleman-Jacob trifft. Anouk, inzwischen hundert Jahre alt und von Köhlmeier mit biografischen Details der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ausgestattet, erzählt dem von ihr einberufenen Schriftsteller ihre Lebensgeschichte: Im Alter von vierzehn Jahren befand sie sich selbst mit ihren bolschewistischen Eltern auf dem Schiff, entdeckte dort als einzige Passagierin Lenin, dem sie Nächte lang lauschte - bis Stalin ihn ins Meer werfen ließ, resümiert Gauß. Allein wie Köhlmeier Fakten und Fiktion verwebt, findet der Rezensent "furios". Darüber hinaus aber verfällt er ganz dem Sog des so klugen wie eleganten Erzähltons Köhlmeiers. Dass der Autor die Kunst des Erzählens nicht nur beherrscht, sondern in seinem "durchtriebenen Spiel von Wahrheit und Erfindung" auch immer wieder thematisiert, ist für Gauß ein zusätzlicher Gewinn dieses virtuosen Romans.