"Kaum weglegen" kann Rezensent Tobias Rüther Fatma Aydemirs neuen Roman, der manches ähnlich, einiges aber auch anders mache als sein Vorgänger "Ellbogen". Ganze sechs Perspektiven nehme die Autorin in ihrem Familienroman abwechselnd ein: die der Eltern, 1979 aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert, und die der vier Kinder mit jeweils ganz eigenen Problemen mit Heimat und Tradition. Dabei gelinge Aydemir der individuelle Tonfall der Figuren mal besser (wie bei der ältesten Tochter, die ihren Mann verlässt), mal weniger gut (wie beim "Männermelodram" des chaotischen Sohns). Besonders spannend findet Rüther außerdem eine weitere, mysteriöse Ich-Perspektive, vielleicht eines Geistes, die den Roman rahmt, weil sie eine externe Perspektive auf die Eltern erlaube. Neben Aydemirs Talent zur Beschreibung von Gesten schätzt der Kritiker außerdem die politische Dimension, die der überwiegend in den 90er Jahren spielende Roman aufmacht, wenn es um eine an Solingen und Hoyerswerda angelehnte "Mobstimmung" geht. Dass der Roman auch mit klassischen Elementen wie Geheimnissen operiert, stört den Rezensenten keineswegs.