Rezensent Gustav Seibt lobt Bernhard Schlinks Essay über Gerechtigkeit in den höchsten Tönen, wenngleich er ihn vor allem jenen empfiehlt, die sich tüchtig aufregen wollen. Denn statt einfacher Antworten gibt es hier stets abwägende, warnt der Kritiker, den der Text an Gliederungshefte, die Gelehrte im 19. Jahrhundert zu Vorlesungen verteilten, erinnert. Äußerst "kristallin" legt ihm Schlink dar, wie Gerechtigkeit und Ungleichbehandlungen kollidieren können, wie das Beispiel "Frauenquote" zeigt, und wie elementar "Gerechtigkeitsarbeit" ist, etwa mit Blick auf soziale oder politische Gerechtigkeit - Beispiel: Generationengerechtigkeit. Mitunter sind die Beispiele arg knapp gehalten, räumt Seibt ein. Aber nach der herausfordernden Lektüre kennt er sich nicht nur in der "Architektur" der Gerechtigkeit besser aus, sondern erkennt auch: Immer kleinteiligere Gerechtigkeitsforderungen können zu mehr Bürokratie und "Moralisierung des Alltags" führen.