"Das Protokoll einer fehlgeschlagenen Aufarbeitung" liest Jan Drees mit Judith Hermanns neuem autofiktionalen Roman, in dem die Autorin auf ganz überraschende, unbehagliche Weise ein Tabu der deutschen Gesellschaft offenlegt. "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" - steht als Mission am Anfang dieses Romans. Der eigenen Familie nachforschen, sich konfrontieren will Judith Hermann also, mit der deutschen Schuld und Schulverdrängung in dieser Familie, mit den Taten des Großvaters, der Verdrängung der Mutter. Schon bald jedoch stellt sie fest, dass dieser Großvater ein blinder Fleck für sie bleibt. Im polnischen Radom, wo der Vater ihrer Mutter höchstwahrscheinlich an NS-Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung beteiligt war, verfällt sie in eine seltsame Gemütsverfassung, eine sich steigernde Angst, eine Paranoia, eine "krankhafte Selbstzerfleischung", schreibt Drees. Statt von den Verbrechen ihres Großvaters zu erzählen, sich der Schuld zu stellen und um die Opfer zu trauern, vollzieht sie die psychosomatischen Effekte dieser Verbrechen auf die Täter nach, lesen wir. So wird ihr Roman zum Zeugnis einer Kapitulation vor einer unbegreiflichen Schuld, zum literarischen Reenactment jener Täter-Opfer-Umkehr, von der Hermann in der bekannten Studie von Margarete und Alexander Mitscherlich liest, oder anders gesagt: zur literarische Erfassung einer Fassungslosigkeit. Ob dieses entlarvende Scheitern literarisches Programm ist, scheint für den Rezensenten nicht entscheidend.