Mit Gewinn liest Rezensent Ulrich Gutmair dieses Buch, in dem der Historiker Götz Aly eine Art Bilanz seiner Forschung zum Thema Nationalsozialismus zieht und dabei eine zentrale Frage ins Zentrum stellt, die ansonsten oft aus dem Blick gerät: Wie war das damals möglich? Gutmair liest, wie viele kleine Mittäter ihren Beitrag zum Unrechtsregime leisteten und wie das Regime ein Klima der dauernden Aufregung hervorbrachte, das die Bevölkerung unter Spannung setzte und Reflexion verhinderte - es geht also um Interdependenzen zwischen Führung und Volk. Auf die zentrale Frage, die er stellt, hat Aly nicht eine, sondern laut Gutmair mehrere Antworten, unter anderem nennt er den Aufstiegswunsch vieler Menschen, die willig beim Regime mitmachen und sich Eigentum und Positionen von Juden aneigneten, auch die Rolle der Kirchen und Gewerkschaften, die sich gern im Nachhinein als Hort des Widerstands inszenierten, tatsächlich aber im Großen und Ganzen fröhlich mitmachten, wird thematisiert. Auch Hitlers Politik beleuchtet der Historiker, die darauf hinaus lief, Millionen von Deutschen in die Verbrechen zu verstricken, bis das Land zu einer Art mafiösen Gemeinschaft wurde, das Vernichtungsprogramm des Holocaust etwa wurde just in dem Moment intensiviert, in dem sich eine Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete. Weiterhin wendet sich Aly gegen Begriffe wie "Faschismus", "völkisch" und "Ideologie" zur Beschreibung der NS-Politik, was Gutmair, insbesondere mit Blick auf "Ideologie", nicht so recht einleuchtet. Auch auf Seiten der Linken lehnten viele die Weimarer Republik ab, erfährt der Kritiker außerdem. Kann man aus all dem auch etwas für die Gegenwart lernen? Aktionistische, aggressive Regimes müssen früh bekämpft werden, lernt Gutmair von Aly. Leichter gesagt als getan, meint Gutmair, der Alys Buch freilich insgesamt viel abgewinnen kann.