Für statistische Zwecke und um bestmögliche Funktionalität zu bieten, speichert diese Website Cookies auf Ihrem Gerät. Das Speichern von Cookies kann in den Browser-Einstellungen deaktiviert werden. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Cookie akzeptieren

Olga Tokarczuk Romane und Erzählungen der Literatur-Nobelpreisträgerin 2018

Während sich die Feuilletons seit Bekanntgabe der Literaturnobelpreise auf Peter Handke stürzen, wird die zweite Preisträgerin, Olga Tokarczuk, beinahe übersehen. Dabei verdient die Stimme der polnischen Schriftstellerin definitiv gehört zu werden: Tokarczuk zählt zu den schärfsten Kritikerinnen der nationalistischen PiS-Partei, kritisierte erst kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung die politische Kontrolle polnischer Kultureinrichtungen und die Selbstzensur polnischer Literaten und wurde nach der Veröffentlichung ihres letzten historisch-kritischen Romans „Die Jakobbrüder“ von fanatischen Nationalisten mit dem Tod bedroht. Nobelpreisjury und Kritik dagegen lobten das Grenzüberschreitende, das Fantastische sowie das Provokante im Werk der Autorin, die osteuropäische Geschichte, Mythen und Legenden kunstvoll mit aktueller Gesellschaftskritik verbinde. Wir stellen einige von Tokarczuks Romanen und Erzählungen vor. Empfehlungen zur Lektüre von Arnim Eisenhut.

Im polnischen Original bereits 2014 erschienen, liegt Tokarczuks 1200-Seiten-Epos „Die Jakobsbücher“ nun auch auf Deutsch vor. Knapp zehn Jahre recherchierte die Autorin für ihr opus magnum, in dem sie uns an der Seite des jüdischen Mystikers Jakob Frank in die untergegangene Welt der polnisch-litauischen Adelsrepublik des 17. Jahrhunderts schickt – die in Polen bis heute idealisiert wird. Umso wichtiger, dass Tokarczuk an das verdrängte jüdische Erbe Polens erinnert und zeigt, wie unmenschlich Adel und Klerus einst agierten, schreiben die KritikerInnen. Im Deutschlandfunk lobt Martin Sander darüber hinaus präzise historische Kenntnisse, fantasiereiche Einfälle und die Mischung aus Spannung und magischem Realismus. Ein „sensibler, zärtlicher, trauererfüllter“ Roman, findet SZ-Kritiker Fabian Wolff.

Für ihr Buch „Unrast“ wurde Tokarczuk bereits mit dem Man Booker Preis und dem polnischen Nike-Preis ausgezeichnet, auch die deutschen KritikerInnen waren beim deutschen Erscheinungstermin 2009 überwiegend begeistert. Die aus Erzählungen, Glossen, Tagebuchaufzeichnungen und Reisenotizen zusammengesetzte Geschichte um einer wanderlustigen rastlosen jungen Frau nannte Ina Hartwig in der FR damals "originell und kühn und sehr poetisch" und seufzte einst – welch bittere Ironie - "Glückliches Polen, wo Bücher wie dieses mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet werden!" Zeit-Kritikerin Iris Radisch erschien das Buch als"glänzender literarischer Kommentar" zur Entwurzelung in der spätkapitalistisch-globalisierten Welt, während Maria Frise in der FAZ das „Doppelbödige, Abseitige, manchmal auch Unheimliche" und die "stilistische Vielfalt" lobte.

Tokarczuks Spiel mit verschiedenen Gattungen lässt sich vielleicht am besten mit ihrem 2011 erschienenen Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ erkunden, der am 24. November bei Kampa erscheinen wird. Hauptperson ist eine etwas in die Jahre gekommenen Bergbauingenieurin, die sich zwecks Tierstudien in die niederschlesischen Berge zurückzieht, wo es zu bizarren Mordfällen kommt. Aber man sollte den Roman nicht als Krimi lesen, meint FAZ-Kritikerin Marta Kijowska: Er sei vielmehr Tierschützerroman und "scharfe Zivilisationskritik“ in einem, darüber hinaus voller skurrilem Witz. Hans-Peter Kunisch lobte in der SZ den märchenhaften, etwas versponnenen Stil und rückte Tokarczuk in die Nähe von J.M. Coetzee.

Ende November wird Tokarczuks Roman „Ur und andere Zeiten“ ebenfalls bei Kampa neu aufgelegt, der im polnischen Original bereits 1996 veröffentlicht wurde. Tokarczuk entführt uns hier in das fiktive, von den vier Erzengeln bewachte ostpolnische Städtchen Ur, um anhand allerhand kurioser Gestalten die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert zu erzählen. Kein „Plappern“, keinen „postmodernen Reflexionsfuror“ entdeckte Ilma Rakusa in der NZZ hier, sondern Märchen, Mythen, berührende Momentaufnahmen und eine „grandiose Parabel“. Als „Inbild der Poesie“ und „Urbild Polens“ erschien Iris Radisch in der Zeit der Roman, der ihr nicht zuletzt die alte osteuropäische Literatur ins Gedächtnis rief.

Hymnisch lesen sich auch die Kritiken zum 2001 erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Taghaus, Nachthaus“, den der Kampa-Verlag Ende 2019 neu herausbringt. Erzählt wird aus dem Leben einer namenlosen Erzählerin in der niederschlesischen Provinz. "Wer wissen will, was Literatur in der Europa-Diskussion zu sagen hat, der muss nach Mitteleuropa blicken", schrieb Thomas Grob damals in der NZZ und meinte, der Roman biete so viel Platz für ganze Lebensgeschichten, für Träume, Heiligenviten, für so viel Erfundenes und Angedeutetes, dass er nicht einmal eine Handlung brauche. Eine der wichtigsten modernen Erzählerinnen, ahnte Carsten Hueck bereits 2002 in der Frankfurter Rundschau.

Übersetzer werden von der Literaturkritik meist stiefmütterlich behandelt. Lisa Palmes‘ und Lothar Quinkensteins Übersetzung der Jakobsbücher ist laut Dlf-Kritiker Martin Sander allerdings ein „Wunder“: „Sie haben den vielen Ebenen dieses Erzählkunstwerks ihren eigenen Ton verliehen, frei und fantasievoll in der Wortwahl, präzise bei der Wiedergabe des Sinns und übergeordneter Gedanken“, meint er. Aktuell ist in der Edition Fototapeta auch ein neuer Roman von Lothar Quinkenstein erschienen, den der Verlag als "Liebeserklärung an die polnische Kultur" preist. Quinkenstein erzählt hier von einem Deutschlehrer, der nach Polen kommt, um in Posen zu bleiben.