Notizen zur Frühjahrsbeilage der Zeit erschienen am 20.03.2025

1. August 2023. Im Herbst erscheinen die Buchmessenbeilagen der großen Zeitungen. Der Perlentaucher wertet sie aus und verfasst zu jeder Kritik in diesen Beilagen eine resümierende Notiz. Auch auf eichendorff21 können wir so einen Überblick über jene Bücher geben, die von den Zeitungen im Herbst als besonders wichtig erachtet werden. Hier die Literaturbeilage der ZEIT für Herbst 2022.

Was Yasmina Reza alles Kluges zu den "finsteren Dingen" des Lebens zu sagen hat, kann Rezensentin Judith von Sternburg nun in ihrem neuen Buch nachlesen, das Gerichtsreportagen, Erzählungen und kleine Notate versammelt. So fahre Reza all ihre großen Fähigkeiten auf, wenn es beispielsweise um den Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und dessen Gerichtsverfahren geht, in dem er zu einem Jahr Hausarrest und Fußfessel verurteilt wurde. Nach einigen Treffen mit Sarkozy urteile Reza klarsichtig … mehr

Die "angelesene Idee vom Liebesglück" ist hochinfektiös, hält Rezensentin Iris Radisch beim Blick in die Klassiker der Liebesliteratur fest, in letzter Zeit sei aber doch häufiger von nicht erfüllter und enttäuschender Liebe die Rede, selbst den Sex findet sie bei den meisten Autoren der Gegenwartsliteratur wenig aufregend. Positiv sticht für Radisch aber Roland Schimmelpfennig neuer Roman hervor, der sich an Arthur Schnitzlers "Reigen" orientiert, der seinerzeit wegen seiner "Obszönität" für Furore sorgte. Auch … mehr

Dirk Schümer freut sich über Lothar Müllers stupende Kenntnisse in Sachen Casanova. Müller gelingt es laut Schümer, den Schwerenöter jenseits seiner Bettgeschichten als vitale Jahrhundertfigur und Beobachter seiner Epoche zu porträtieren, der mit den Mächtigen und den großen Geistern seiner Zeit verkehrte, von Joseph II. bis zum Papst. Es geht also mal nicht um Sex, stellt Schümer erleichtert fest. Müller geleitet den Leser souverän durchs höfische Europa des 18. Jahrhunderts, … mehr

Es geht in diesem Buch mindestens so sehr um den Autor Emmanuel Carrère wie um den titelgebenden Philip K. Dick, findet Rezensent Jens Balzer. Carrères im Original 1993 erschienenes Buch tut so, als wäre es eine Biografie des amerikanischen Autors, tatsächlich jedoch ist es ein Spiegelkabinett bestehend aus Dick-Erzählungen und fragmentiertem, biografischem Material, meint Balzer. Mit Carrère rekonstruiert Balzer den Lebenslauf Dicks, der mit seinen Science-Fiction-Erzählungen insbesondere in den 1960ern … mehr

Die Menopause wird viel zu oft viel zu negativ wahrgenommen - wenn überhaupt, meint Rezensentin Rabea Weihser und empfiehlt als Gegengift drei Bücher: Anika Deckers Roman "Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben", Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" und Stefanie de Velascos Tagebuchaufzeichnungen "Heiß". Den Roman von Decker, die als Drehbuchautorin einiger Schweiger-Filme bekannt ist, kann Weihser allerdings nur halb empfehlen. Zu "holzschnittartig" ist ihr die Geschichte um die 49-jährige Nina, die eine "heiße Situationship" mit dem 20 … mehr

Hier bespricht Gerd Koenen den Kollegen Jörg Baberowski, also der berühmteste Russland-Historiker den anderen berühmtesten Russland-Historiker. Diesen neuen Band Baberowskis nach seiner monumentalen Studie "Der sterbliche Gott" über das Ende des Zarenregimes liest Koenen als eine Ergänzung. Es geht um das chaotische Jahr 1917, das Baberowski in vielen Facetten und Zeitzeugenberichten schildere. Dabei aber ist das Buch zugleich ein "Thesenbuch", merkt Koenen an. Und diese von Koenen zitierten Thesen Baberwoskis klingen ein … mehr

Die Menopause wird viel zu oft viel zu negativ wahrgenommen - wenn überhaupt, meint Rezensentin Rabea Weihser und empfiehlt als Gegengift drei Bücher: Anika Deckers Roman "Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben", Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" und Stefanie de Velascos Tagebuchaufzeichnungen "Heiß". Velasco beschreibt auf 144 Seiten ihre eigenen Erfahrungen mit der Menopause, die nicht die angenehmsten sind. Weihser liest von grauen Haaren, Selbstzweifeln, Hitzewallungen, nutzlosen Ärzten und Schlaflosigkeit. Aber Gespräche mit ihrer Mutter, die … mehr

Durchaus interessiert nimmt Rezensentin Susan Vahabzadeh Kristine Bilkaus neuen Roman zur Hand, der von Annett und ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter Linn handelt. Wir erfahren, dass Linn eigentlich Umwelttechnik studiert hat, in ihrem Job aber eher Greenwashing betreibt und irgendwann deshalb zusammenbricht. Vahabzadeh zeigt sich irritiert davon, wie ungenau der Roman größtenteils ist, obwohl er durchaus wichtige Fragen zum Umgang mit dem Klima und im familiären Umfeld von "Zusammenhang von Schutz und Kontrolle" stelle und … mehr

Noch präziser als den Roman "Die blaue Frau", für den Antje Ravic Strubel den Deutschen Buchpreis erhielt, findet Rezensent Paul Jandl den neuen Roman, der ebenfalls die #MeToo-Thematik aufgreift. Erzählt wird die Geschichte von Hella Karl, Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung, die in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale gerät, nachdem sich der berühmte Theaterintendant Kai Hochwerth in Folge eines Artikels von Hella das Leben nimmt. Erlag Hella zunächst noch dem Charme jenes Intendanten, dessen hygienische … mehr

Christoph Kramers Debütroman ist eine nostalgische Reise zurück ins Jahr 2006, schreibt Rezensent Jens Wohlgemuth. Der Fußballweltmeister von 2014 erzählt von Kratzeis, SchülerVZ und Fußballidolen wie Ballack und Gerrard. Doch Fußball bleibt eine Nebensache - im Mittelpunkt steht die Jugendliebe. Der Protagonist Chris verliebt sich gleich dreimal, erlebt chaotische Sommerferien und bricht mit seinem besten Freund zu einer verbotenen Autofahrt, beide haben keinen Führerschein, nach Düsseldorf auf, resümiert der Kritiker. … mehr

Rezensentin Zelda Biller trifft sich mit Ricarda Messner zum Spaziergang in Charlottenburg, um danach dem Debütroman der Autorin eine ebenso persönliche wie hymnische Besprechung zu widmen. Wobei sie die Frage, ob es sich tatsächlich um einen Roman oder doch vielmehr um Erinnerungen handelt, offen lassen möchte. Wichtiger ist ihr ohnehin, dass Messner "zarte, ehrliche" und große Literatur geschaffen hat, so die Rezensentin, die gleich zu mehrfacher Lektüre rät. Worum geht es? … mehr

Was uns selbstverständlich scheint, ist es nicht mehr, wenn ein Philosoph näher hinguckt. Dass Sklaverei verdammenswert ist, scheint uns evident, aber das ist es nur, wenn dafür moralische Gründe angeführt werden können, lernt die rezensierende Philosophin Paula Keller aus Thomas Nagels Büchlein"Moralische Gefühle", in dem dieser vor allem den Fortschrittsbegriff retten will. Diese Gründe scheinen also nicht universal zu sein: Sklaverei in der Antike war nach Nagel moralisch weniger verwerflich, weil … mehr

Dieser Roman ist im norwegischen Original erschienen, als der Autor Oliver Lovrenski gerade einmal 19 Jahre alt war, hält Rezensent Louis Pienkowski nicht wenig beeindruckt fest. Seine Protagonisten sind Ivor, Marco, Arjan und Jonas, die in den sozial prekären Außenbezirken Oslos aufwachsen, alle haben unterschiedliche Wurzeln und alle haben Probleme. Der Autor zeichnet sie auf ihrem Weg von Schulschwänzern zu gewaltbereiten Drogendealern nach, so Pienkowski, den Sound der Straße trifft … mehr

Hanna Engelmeier liest den historischen Roman von Christine Wunnicke mit Spannung. Die Geschichte der autodidaktischen Anatomin Marie Biheron und ihrer Liebe zu der älteren Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte im Paris des späten 18. Jahrhunderts erzählt die Autorin laut Engelmeier mit Zeitsprüngen und Stippvisiten zu den Themen Aufklärung, Natur- und Medizingeschichte. Auch wenn der Hintergrund des Erzählten für Engelmeier nicht immer perfekt ausgeleuchtet wird, bietet das Buch ihr doch eine weitgehend lebendige … mehr

Nina Bußmanns neuer Roman lässt den Rezensenten Ronald Dücker an Alain Delon und Romy Schneiders Film "Swimming Pool" denken, die Gemeinsamkeit liege darin, dass beide zunächst entspannte Erholung in Frankreich versprechen, die Stimmung aber recht schnell kippt, als einige Unbekannte eintreffen. Bußmann stellt die Protagonistin Elena ins Zentrum, deren Job in einer Galerie eher dem Zeitvertreib dient, das Geld bringt Ehemann Kolja nach Hause, die beiden Kinder haben die Pandemie nicht … mehr

Nicht rundum überzeugt ist Rezensent Titus Blome von Douglas Rushkoffs Buch über die Superreichen der Gegenwart, für lesenswert hält er es dennoch. Insbesondere gefällt ihm, wie hemdsärmelig und frech Rushkoff den Tech-Milliardären gegenübertritt, zu deren Welt er, anders als die große Mehrheit seiner Leser, Zutritt hat. Unter anderem schreibt er über ein Treffen mit der Silicon-Valley-Elite, lesen wir, bei dem er um Rat gefragt wurde zwecks Abkapselung vom Rest der … mehr

Ein starkes Buch über Rainer Maria Rilke hat Sandra Richter laut Rezensent Kai Sina geschrieben. Richter, Direktorin des Marbacher Literaturarchivs, beschreibt den Dichter darin weniger als sensiblen Einzelgänger denn als einen Literaturbetriebsprofi, der sich auf die Kunst der Selbstinszenierung verstand. Das Buch, das aus einer Reihe gut lesbarer biografischer Miniaturen besteht, kann sich auf viele neu erschlossene Quellen stützen, was sich für den angetanen Kritiker etwa in einer erhellenden Passage … mehr

Manfred Kochs schönes, reichhaltiges Buch über Rainer Maria Rilke möchte das Rad nicht neu erfinden, stellt Rezensent Kai Sina klar, sondern eher den Akzent der Rilke-Rezeption sanft verschieben. Nicht Sprachanalyse steht hier im Zentrum, erläutert Sina, sondern eine Engführung von Rilkes Leben und Werk mit Blick auf das Motiv der Angst. Biografisch geht es dabei laut Rezensent unter anderem um die Rolle der Mutter Rilkes, die etwa in der Analyse … mehr