Notizen zur Frühjahrsbeilage der WELT erschienen am 22.03.2025

26. März 2025. Im Herbst erscheinen die Buchmessenbeilagen der großen Zeitungen. Der Perlentaucher wertet sie aus und verfasst zu jeder Kritik in diesen Beilagen eine resümierende Notiz. Auch auf eichendorff21 können wir so einen Überblick über jene Bücher geben, die von den Zeitungen im Frühjahr als besonders wichtig erachtet werden. Hier die Literaturbeilage der WELT für Frühjahr 2025.

Rezensent Rainer Moritz entdeckt in Nicolas Mathieus hier versammelten von einer Liebesaffäre mit einer verheirateten Frau handelnden Instagram-Posts durchaus Sentimentalität und Selbstmitleid. Die kurzen autobiografischen Texte sind ungeschützt und angreifbar, räumt Moritz ein. Dennoch liest er sie mit wachsender Neugier. Belohnt wird der Rezensent durch eine poetische Selbstentblößung, die Gedanken über das Unsagbare, die Moral, den Tod und enttäuschte Erwartungen in der Liebe und in der Schriftstellerei enthält. Für Moritz … mehr

Marc Reichwein bespricht diesen Band zusammen mit Herfried Münklers neuem Buch "Macht im Umbruch - Deutschlands Rolle in Europa". Försters monumentale Studie kann der Rezensent dabei als Standardwerk empfehlen. Es handelt sich hierbei nicht einfach um eine Militärgeschichte, betont der Rezensent, denn Förster bekenne sich zur britischen "War and Society"-Schule, die gesellschaftliche Fragen stets in ihre Thematik einschließt. Von den Bauernkriegen bis hin zur"Zeitenwende" lernt Reichwein, "wie sehr die jüngste Vergangenheit inzwischen als abgeschlossen zu begreifen ist". Die Zeit der seit dem Mauerfall in Deutschland gepflegten komfortablen Sorglosigkeit ist … mehr

Vom "kaum einmal innehaltenden Erinnerungsstrom" Tomas Espedals lässt sich Rezensent Richard Kämmerlings in dessen neuem Buch gerne mitreißen. Espedal geht in seinem autofiktionalen Roman zum einen auf seine Wurzeln als Arbeiterkind ein, zum anderen schildert er die Liebe und Freundschaft zu Robert, der mit ihm aufgewachsen ist und aus einer großbürgerlichen Familie stammt. Kämmerlings verfolgt gespannt den Ausbruch der beiden aus der engen Welt der Kindheit und Jugend ins großstädtische Kopenhagen, den mühsamen … mehr

Ok, gut, dies Buch ist mal was Besonderes, die Autorin ist es auch: "All das Hässliche ist wahr", heißt es in dem Buch über die Gropiusstadt, wo die Erzählerin des Romans aufwuchs - aber sowohl Buch, als auch Autorin haben einen rauen und düsteren Glamour, der die Rezensentin Hannah Lühmann voll und ganz gefangen nimmt. Die Erzählerin ist wie die Autorin afghanischer Herkunft, aber ihr Roman ist weit mehr als die übliche Migrantenliteratur, versichert … mehr

Fasziniert zeichnet Jan Küveler die Rechercheergebnisse des Romanciers Amitav Ghosh nach: Immer wieder war Ghosh in seinen Roman über das britische Empire auf Biografien gestoßen, die mit dem Opium verknüpft waren: Wussten Sie, dass der Vater von George Orwell Opiumhändler war? Die Streitfrage, ob der Kolonialismus für Großbritannien ein Zuschussgeschäft war, ist für Küveler nach dieser Lektüre geklärt: Allein schon aus dem Zoll auf chinesischen Tee hatte das Königreich zehn … mehr

Dirk Schümer preist das handliche, schön aufgemachte von Heinrich Conrad übersetzte "erotische Lesebuch" mit 33 Liebesepisoden aus dem Leben Casanovas als "Rosinen aus dem sittengeschichtlichen Riesenkuchen" der "Histoire de ma vie". Auch wenn er mit Casanovas mannigfachen Ratschlägen zur Verführung wenig anzufangen weiß, empfehlen möchte er den pünktlich zum 300. Geburtstag Casanovas erscheinenden Band allemal und nicht nur als Nachtlektüre.

Ein interessantes Buch hat Dieter Thomä geschrieben, findet Rezensent Harald Staun, der dem Autor inhaltlich freilich dezidiert nicht zustimmt. Thomä beschäftigt sich laut Staun mit der Vorsilbe "Post-" und deren Karriere in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in Bezug auf Großtheorien wie die Posthistoire, die Postmoderne und den Postkolonialismus. Thomä, erfahren wir, hält nicht viel vom "Post", einer Silbe, die er mit dem Wort "nach" kontrastiert - seiner … mehr

Dirk Schümer freut sich über Lothar Müllers stupende Kenntnisse in Sachen Casanova. Müller gelingt es laut Schümer, den Schwerenöter jenseits seiner Bettgeschichten als vitale Jahrhundertfigur und Beobachter seiner Epoche zu porträtieren, der mit den Mächtigen und den großen Geistern seiner Zeit verkehrte, von Joseph II. bis zum Papst. Es geht also mal nicht um Sex, stellt Schümer erleichtert fest. Müller geleitet den Leser souverän durchs höfische Europa des 18. Jahrhunderts, … mehr

So trocken ist Christoph Heins Erzählton in seinem neuen Roman, dass Rezensentin Marlene Hobrack zu ahnen beginnt, wie sich vierzig Jahre DDR angefühlt haben müssen. Man könnte zwar sagen, dass dieser Effekt vom Autor beabsichtigt wurde, aber Hobrack findet die Zumutung für die Leserschaft leider dann doch etwas zu groß geraten. Hein erzählt DDR-Geschichte ausgehend von der Familie von Ex-Nazi Johannes, seiner Frau Yvonne und Tochter Kathinka und vielen weiteren … mehr

Einen Alltag, an dessen Abnormalität sich niemand gewöhnen kann, schildert Serhij Zhadan in seinen zwölf Geschichten, so Rezensent Joseph Wälzholz, der schwer beeindruckt ist von Zhadans unermüdlichem und mutigem Engagement. Den Krieg, in dem er selbst kämpft, beschreibt der Autor nicht direkt, dafür die Personen, die von ihm betroffen sind: da gibt es einen Invaliden, der einen neuen Job braucht und zum Bewerbungsgespräch muss, Eltern, die der Hochzeit ihrer Kinder … mehr

Christoph Kramers Debütroman ist eine nostalgische Reise zurück ins Jahr 2006, schreibt Rezensent Jens Wohlgemuth. Der Fußballweltmeister von 2014 erzählt von Kratzeis, SchülerVZ und Fußballidolen wie Ballack und Gerrard. Doch Fußball bleibt eine Nebensache - im Mittelpunkt steht die Jugendliebe. Der Protagonist Chris verliebt sich gleich dreimal, erlebt chaotische Sommerferien und bricht mit seinem besten Freund zu einer verbotenen Autofahrt, beide haben keinen Führerschein, nach Düsseldorf auf, resümiert der Kritiker. … mehr

Wohlwollend bespricht der hier rezensierende Historiker Ralph Bollmann Herfried Münklers neues Buch, in dem sich der vermeintlich kaltblütige Theoretiker der Machtpolitik als republikanischer Idealist erweist. Wobei sich laut Bollmann bei der Analyse zeigt, dass darin keineswegs ein Widerspruch liegt. Münkler wendet sich gegen die innere Gefahr des Populismus im Westen, lesen wir, was Bollmann angesichts der AfD-Positionen, die Aushöhlung der Demokratie mit einer Bereitschaft zur Kapitulation in geopolitischen Fragen verbinden, … mehr

Rezensent Wieland Freund sieht schon die Netflix-Adaption von Liz Moores Roman vor sich. Die "klare, zügige Prosa" und die schnellen Schnitte bezeugen eindeutig den Einfluss von Film und Serie, findet er. Wahnsinnig originell ist die Story vielleicht nicht, so Freund, aber "Suspense" hat sie schon: die Handlung dreht sich um das in den Adirondack Mountains angesiedelte Rittergeschlecht Van Laar, dessen jüngster Sprössling in den sechziger Jahren auf einem Ausflug des ansässigen Jugendcamps … mehr

Schlicht und einfach unerträglich findet Rezensentin Eva Berger, was Pankaj Mishra hier zu Papier bringt. Der Essayist beschäftigt sich hier, lesen wir, mit dem Gazakrieg, den er aus orthodox postkolonialer Perspektive beschreibt, was unter anderem heißt, dass für ihn nicht die Hamas-Massaker des 7. Oktobers im Zentrum der Analyse stehen, sondern Israels Handeln, das für ihn einer rassistischen Vernichtungslogik folgt. Der Antisemitismus islamischer Prägung kommt nicht vor in diesem Buch, … mehr

Rezensentin Sigrid Löffler klärt uns zunächst über Veröffentlichungs- und Deutungsgeschichte von Mary Shelleys Roman "Mathilda" auf: Die Reinschrift, die Shelley ihrem Vater William Godwin schickte, ging verloren, in Kleinarbeit wurde der Roman aus den Notizbüchern in den Archiven rekonstruiert und 1959 erstmals veröffentlicht. Dank Stefan Weidle liegt nun auch eine erste deutsche Übersetzung der Geschichte eines Vaters vor, der seiner Tochter sein inzestuöses Begehren gesteht und darauf Selbstmord aus Scham … mehr

Dieses Buch hat seine Stärke in der Schilderung von Einzelschicksalen und gerade auch solchen von weniger bekannten Emigranten, schwärmt der hier rezensierende Philologe Eckart Goebel. Das würde aber nicht funktionieren, wenn Autor Wolfgang Benz nicht auch ein fulminantes Wissen über die Kontexte des Geschehens hätte, so der Rezensent. Am Ende seiner Karriere gelinge es Benz also, ein Standardwerk zu diesem nicht mehr selten abgehandelten Thema vorzulegen. Besonders wichtig ist es … mehr

Ah, jene "Losigkeit" des Schwebens erreicht ein Philosoph wohl erst, wenn er seine Abschiedsvorlesung hält! Rezensent Mladen Gladic ist jedenfalls ganz berückt davon, wie Vogl trotz allen Ballasts der abendländischen Geistesgeschichte, der hier en passant erwähnt wird, in jenen Zustand gerät, und ihn benennt, den sonst nur Wolken kennen. Vogl ist auf jeden Fall ein Mann der Zwischenzustände, so Gladic, denn auch schon seine Antrittsvorlesung an der Humboldt-Uni aus dem … mehr