Notizen zur Frühjahrsbeilage der FAS erschienen am 22.03.2025

26. März 2025. Im Herbst erscheinen die Buchmessenbeilagen der großen Zeitungen. Der Perlentaucher wertet sie aus und verfasst zu jeder Kritik in diesen Beilagen eine resümierende Notiz. Auch auf eichendorff21 können wir so einen Überblick über jene Bücher geben, die von den Zeitungen im Frühjahr als besonders wichtig erachtet werden. Hier die Literaturbeilage der FAS für Frühjahr 2025.

Jonathan Lethem kehrt mit seinem neuen Buch in die Dean Street in Boerum Hill, Brooklyn, zurück, in der er selbst aufgewachsen ist und der er mit "Fortress of Solitude" schon einen vielbeachteten Roman gewidmet hat, hält Kritikerin Isabella Caldart fest. Diesmal sei aber weniger Verklärung am Werk, als vielmehr eine formal aufregende Betrachtung des wahren Brooklyn, das Kleinkriminalität, Rassismus, Gentrifizierung, aber "eben auch die normale Welt" vereine. Seine Figuren gebe Lethem diesmal keine richtigen, sondern Spitznamen: … mehr

Ein interessantes Buch hat Dieter Thomä geschrieben, findet Rezensent Harald Staun, der dem Autor inhaltlich freilich dezidiert nicht zustimmt. Thomä beschäftigt sich laut Staun mit der Vorsilbe "Post-" und deren Karriere in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in Bezug auf Großtheorien wie die Posthistoire, die Postmoderne und den Postkolonialismus. Thomä, erfahren wir, hält nicht viel vom "Post", einer Silbe, die er mit dem Wort "nach" kontrastiert - seiner … mehr

Ein eindrucksvolles Buch, dessen Lektüre keineswegs einfach ist: So beschreibt Claudia Dathe Victoria Amelinas postum veröffentlichte Studie zu ukrainischen Frauen, die die Schrecken des Ukrainekriegs infolge des russischen Angriffs aufarbeiten. Victoria Amelina selbst unternahm, so Dathe, für eine Menschenrechtsorganisation Reisen in Orte, die von Russland besetzt waren und dokumentierte die dort verübten Kriegsverbrechen, außerdem tauchen im Buch zahlreiche Mitstreiterinnen auf, Buchautorinnen und Aktivistinnen etwa, die in ähnlicher Mission unterwegs sind. … mehr

Rezensentin Tania Martini liest interessiert, stellenweise auch skeptisch ein Buch, das der Philosoph Emanuele Coccia und der Modeschöpfer Alessandro Michele gemeinsam verfasst haben. Interessant ist dabei insbesondere die Gestaltung der Beiträge Micheles, lesen wir, die im Stil des Talmuds von Coccia jeweils auf derselben Seite kommentiert werden. Inhaltlich geht es bei Coccia um den Versuch, die Philosophie mit einer Sinnlichkeitsdimension anzureichern, zentral ist der Begriff der Form, der sowohl Artifizielles … mehr

Rezensentin Diba Shokri hat einiges auszusetzen an Lisa-Viktoria Niederbergers Buch über die Dunkelheit, insgesamt fällt ihr Fazit jedoch nicht negativ aus. Niederberger fasst, lesen wir, ihre These, dass Dunkelheit in der modernen Welt keinen Platz mehr hat, ziemlich weit, so Shokri, nicht nur die Erhellung der Nacht ist damit gemeint, sondern auch die Abwertung von Schlaf und Tod. Letztlich ist Dunkelheit für Niederberger alles, was der Autorin zum Begriff in … mehr

Der merklich begeisterte Rezensent Tobias Rüther widmet dem neuen Roman von Lena Schätte eine ausführliche, zugewandte Besprechung: In der Geschichte einer Familie, in der eigentlich alle, allen voran der Vater, saufen, macht er Sätze wie "Blaulichter" aus, die die volle Komplexität der Sucht abbilden. "Mein Bruder kippt den Schnaps ins Grab", ist einer dieser Sätze, den Rüther zitiert, denn der Vater von "Motte", wie er die Erzählerin nennt, überlebt die Sucht nicht. Der Spitzname sei auch … mehr

Christoph Kramers Debütroman ist eine nostalgische Reise zurück ins Jahr 2006, schreibt Rezensent Jens Wohlgemuth. Der Fußballweltmeister von 2014 erzählt von Kratzeis, SchülerVZ und Fußballidolen wie Ballack und Gerrard. Doch Fußball bleibt eine Nebensache - im Mittelpunkt steht die Jugendliebe. Der Protagonist Chris verliebt sich gleich dreimal, erlebt chaotische Sommerferien und bricht mit seinem besten Freund zu einer verbotenen Autofahrt, beide haben keinen Führerschein, nach Düsseldorf auf, resümiert der Kritiker. … mehr

Rezensent Cord Riechelmann ist begeistert nicht nur vom Manifesten Inhalt dieses Buches der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, sondern auch von der Art und Weise, wie in ihm Theorie und Praxis in einem ständigen, neue Erkenntnisse fördernden Konflikt stehen. Was den Inhalt betrifft, so geht es, erläutert Riechelmann, um Regenwälder in Indonesien, die in den 1980ern und 1990ern von der Holzindustrie ausgebeutet zu werden beginnen, wogegen sich nur langsam Widerstand formiert. … mehr

Wohlwollend bespricht der hier rezensierende Historiker Ralph Bollmann Herfried Münklers neues Buch, in dem sich der vermeintlich kaltblütige Theoretiker der Machtpolitik als republikanischer Idealist erweist. Wobei sich laut Bollmann bei der Analyse zeigt, dass darin keineswegs ein Widerspruch liegt. Münkler wendet sich gegen die innere Gefahr des Populismus im Westen, lesen wir, was Bollmann angesichts der AfD-Positionen, die Aushöhlung der Demokratie mit einer Bereitschaft zur Kapitulation in geopolitischen Fragen verbinden, … mehr

Schwärmerisch beschreibt Rezensentin Bettina Hartz Tarjei Vesaas' Roman. In dessen Zentrum steht Hallstein, ein Junge, der mit seiner Schwester zunächst allein zu Hause ist und, so Hartz, ein inniges, kindlich-träumerisches Verhältnis zur Natur pflegt. Freilich verändert sich die Stimmung als plötzlich infolge einer Autopanne eine Familie im Haus der Geschwister auftaucht, eine schwangere Frau ist dabei, eine schweigende Alte und ein Mädchen namens Gudrun, das Hallstein aus seinen Träumen zu kennen meint. An Ibsen fühlt sich Hartz angesichts dieses Familiendramas plötzlich erinnert, wobei sie auch beeindruckt ist von den zarten, intimen Szenen zwischen Hallstein und Gudrun. Besonders toll findet Hartz, wie die Grenzen zwischen Außenwelt und psychischem Inneren verschwimmen in dieser Prosa, wie sich Träume und Wirklichkeit mischen und wie Vesaas' Sprache einen eigentümlichen Schwebezustand herstellt. Regelrecht sensorische Qualitäten schreibt die Rezensentin dieser Sprache zu, Worten, die unseren innersten Gefühlen nachspüren. Und dabei freilich, das ist die letzte Volte dieser Rezension, uns gleichzeitig als etwas Fremdes entgegen treten - genau in diesem Fremden erkennen wir uns selbst, schließt diese sich teilweise selbst einem poetischen Stil annähernde Besprechung.

Aufschlussreich ist Thomas Wagners Buch laut Rezensent Mark Siemons, auch wenn es sein Thema nicht erschöpft. Ein Thema, das außerdem im Titel missverständlich dargestellt ist, findet Siemons, denn es geht hier nicht um die Moderne und auch nicht wirklich um Soziologie, sondern um die freundschaftliche Beziehung zwischen zwei politisch gegensätzlich verorteten Intellektuellen: Zwischen dem progressiven Adorno und dem konservativen, die Institutionen verteidigenden Arnold Gehlen, die sich in Radiogesprächen austauschten und … mehr

Dieser Roman ist im norwegischen Original erschienen, als der Autor Oliver Lovrenski gerade einmal 19 Jahre alt war, hält Rezensent Louis Pienkowski nicht wenig beeindruckt fest. Seine Protagonisten sind Ivor, Marco, Arjan und Jonas, die in den sozial prekären Außenbezirken Oslos aufwachsen, alle haben unterschiedliche Wurzeln und alle haben Probleme. Der Autor zeichnet sie auf ihrem Weg von Schulschwänzern zu gewaltbereiten Drogendealern nach, so Pienkowski, den Sound der Straße trifft … mehr

Rezensent Andreas Lesti bespricht Franzobels Roman über die gescheiterten Nordpolsucher Robert Edwin Peary und Frederick Albert Cook freundlich. Entlang des Buchs stellt Lesti die beiden als ziemliche Spinner dar, Peary hatte einen Hang zur Selbstinszenierung, Cook erzählte gerne Lügengeschichten, unter anderem die, dass er den Nordpol erreicht habe. Ans Ziel sind aber, fährt Lestis Zusammenfassung fort, beide nicht gelangt auf ihren diversen, von Alaska aus nach Norden strebenden Expeditionen Endes … mehr

Eine hymnische Besprechung widmet Clemens J. Setz diesem Roman von Kurt Prödel, auf den er lange gewartet hat. Manchmal übernehme ein Autor die "Rolle eines geeigneten Wirtskörpers", bis der Roman plötzlich bereit sei, erklärt Setz zu der Geschichte um den sechzehnjährigen Klapper, dessen klappriger Körper ihm diesen Spitznamen verpasst hat, und Bär, die eines Tages neu in seine Klasse kommt. Zwischen "Counter-Strike und Kollegah-Lyrics" entwickeln die beiden eine eigene Sprache und verlieben sich, erfahren wir, … mehr