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Düster, spannend und beliebt Margaret Atwoods "Zeuginnen" und andere dystopische Romane

Das Genre der Dystopie hat  in jungster Zeit vor allem durch Fernsehserien eine Renaissance erlebt. Dystopische Serien wie "3 Prozent" oder "Black Mirror" bei Netflix oder "The Handmaid's Tale" bei Hulu sind mit den Phänomenen des "Binge Watching" (man guckt eine Serie so, wie man früher einen Roman las, atemlos weiterblätternd) und der Streamingdienste verknüpft. Dystopien rechnen bestimmte politische und technologische Tendenzen der Gegenwart hoch, und zwar so, dass sie zuverlässig zur Katastrophe führen. "The Handmaid's Tale" basiert auf einem Roman von Margaret Atwood, die gerade mit "Die Zeuginnen" eine vielbeachtete Fortsetzung vorgelegt hat. Wir stellen einige aktuelle Romane zur Zukunft vor.
Thierry Chervel

Der "Report der Magd", der Roman, auf dem die Serie "The Handmaid's Tale" beruht, endete im Ungewissen.  Mit "Die Zeuginnen" nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. Kaum ein Roman wurde von der Kritik begieriger erwartet: Sylvia Staude, Rezensentin der Frankfurter Rundschau, wundert es nicht, dass die Kritik so viel aufmerksamer auf "Die Zeuginnen" reagiert als 1987 auf den Vorgänger "Der Report der Magd". Damals, vermutet Staude, dürfte noch nicht mal die Autorin selbst geahnt haben, welche Aktualität und Brisanz ihre Schreckensvision einer misogynen theokratischen Diktatur einmal entwickeln würde. Die Besprechungen sind für eine Fortsetzung, bei der stets die Gefahr des "Aufwärmens" eines alten Musters besteht, recht vergnügt. Manche lesen den Roman allerdings eher als Abenteuergeschichte.

Auch Margaret Atwoods "Der Report der Magd" wurde neu aufgelegt. Damals, 1985, bei seinem Erscheinen, löste die Dystopie wesentlich weniger Aufsehen aus als heute die Fortsetzung "Die Zeuginnen", bemerken viele Rezensenten. Heute liest man den "Report der Magd" im Lichte von Entwicklungen neu, die Atwood damals gar nicht ahnen konnte: zum Beispiel der Entwicklung eines extrem frauenfeindlichen Islamismus, aber auch populistischer Figuren im Westen, die wie Donald Trump eine an die Macht gekommene Frauenfeindlichkeit verkörpern. Auch die Popularität der ersten Staffel von "The Handmaid's Tale" machte den Roman im Nachhinein zum Klassiker.

Helene Bukowskis "Milchzähne" ist ein äußerst erstaunliches Debüt: Die norddeutsche Tiefebene ist hier die Szenerie eines düster dystopischen Romans Die Autorin ist Absolventin des bekannten "Creative-Writing"-Instituts der Uni Hildesheim, wagt sich aber ein Stückchen weiter hinaus als die meisten Absolventen. Die Kritik war durch die Bank begeistert Von dieser zugleich zarten und finsteren Geschichte um Mutter und Tochter in einer postapokalyptischen Welt. Dass ein Debüt von durchweg allen wichtigen Medien besprochen wird - sämtlich positiv -, ist ziemlich selten! 

Noch ein Autor, der für die deutsche Literatur eher ungewöhnliche Pfade betritt. So ein Buch hat Katharina Granzin, Rezensentin der Frankfuter Rundschau, jedenfalls noch nicht gelesen. Hendrik Otrembas Erzählung um das Thema Kryonik, also das Einfrieren von Personen für künftige Zeiten, mag laut Granzin zwar mit dem Möglichen spielen, realistisch aber ist er deswegen noch lange nicht. Wie der Autor seinen Text "strahlenförmig" um seine Hauptfigur Kachelbad anordnet, achronologisch die Lebensgeschichten einer Handvoll von eingefrorenen Toten erzählend und dabei allerhand Vorstellungen von der Apokalypse aufrufend, scheint Granzin so rätselhaft wie reizvoll.

England nach dem Brexit. Die Jugendlichen lassen sich einen Chip einpflanzen, um ein Grundeinkommen zu bekommen. Aber sie hören auch Grime, eine Musik der Drogenverherrlichung, die angeblich das wichtigste Ding seit Punk ist. Noch eine Dystopie? Alle Elemente scheinen jedenfalls vorhanden: Totalüberwachung, heruntergekommene Jugendliche, eine Welt ohne jede Chance auf Arbeit. Das Männerbild ist derb, und die Frauen sind unterwürfig. Aber als Dystopie liest sich der Roman eben nicht, so die Rezensentin Marlen Hobrack in der Welt, sondern als "jener Teil des Seins, der sich eigentlich nicht symbolisieren lässt". Also irgendwie die aktuelle Wirklichkeit selbst.

Max Annas rechnet in "Finsterwalde" den gegenwärtigen Rechtspopulismus hoch, der sich zum Faschismus verwandelt und Europas Staaten in "Failed States" verwandelt, mit Lagern für Fremde und jeden, der irgendwie als anders stigmatisiert wird. Annas ist ein Routinier. Der Aspekt, der Annas' Geschichte von der eines herkömmlichen Thrillers unterscheidet, ist die Motivation seiner Figuren, erklärt Tobias Gohlis in der Zeit. Nicht um das eigene Überleben kämpften diese nämlich, sondern um das der Unterlegenen. In diesem Fall sind es ein paar kleine Kinder, die in einem Bunker in Berlin eingeschlossen sind.

Eckart Nickel, einst Tempo-Autor und Teil des popkulturellen Quintetts "Tristesse Royale", erzählt in seinem tatsächlich ersten Roman von einem Mann, der in seiner hypernervösen Übersensibilität erkennt, dass mit den Himbeeren auf dem Bio-Markt etwas nicht stimmt. Auch hier ist Dystopie eine Hochrechnung gegenwärtiger Tendenzen. Der Terror scheint hier aber von grüner Seite zu kommen. Es gibt eine Bewegung des "Spurenlosen Lebens", die die Natur in den Zustand vor der menschlichen Präsenz zurückversetzen will. Die Kritiker waren beeindruckt.

Man könnte den Roman des in Sarajevo geborenen Schriftstellers Tijan Sila als Parabel auf Titos Jugoslawien lesen, wenn im totalitären Crocutanien das Flippern verboten, dem Marschall-Vater dagegen gehuldigt wird. Aber Kristoffer Patrick Cornils, Rezensent der Süddeutschen Zeitung, lässt sich nicht täuschen: Der Titel, weiß er, spielt auf Klaus Theweleits "Männerphantasien" an, und deshalb erkennt er in Crocutaniens System die Kombination aus faschistischer Ideologie und heterosexistischen Männlichkeitsentwürfen.  Auch dieser Roman liest sich, wie so viele Dystopien, als Kommentar zu rechtsextremen Tendenzen.

Ein Geheimtipp, wie SZ-Kritikerin Lea Schneider schreibt, ist Yoko Tawada vielleicht nicht unbedingt: Seit den Achtzigern veröffentlicht die in Japan geborene und in Hamburg lebende Schriftstellerin in schöner Regelmäßigkeit Romane, Essays und Lyrik. Und doch sollte mit Blick auf die lobenden Besprechungen besonders auf diesen Roman hingewiesen werden, der von einer postapokalyptischen Zukunft erzählt, in der sich Japan nach einer Katastrophe von der Außenwelt abschottet, Fremdwörter verbietet, Geschlechtergrenzen einreißt, die Polizei zur Blaskapelle degradiert, Tieren aussterben und Menschen immer älter werden...

Und dann noch ein wiederentdeckter Klassiker des Genres, E.M. Forsters "Die Maschine steht still". In Forsters Dystopie leben die Menschen in einer unterirdischen, abgekapselten Welt mit allem Komfort: Das ganze Leben ist durch die Dienstleistungen der "Maschine" perfekt geregelt, erläutert der Klappentext. Welt-Rezensent Marc Reichwein kann nur staunen, wie E. M. Forster in seiner nun neu übersetzten kleinen Science-Fiction-Erzählung aus dem Jahr 1909 das Internetzeitalter vorwegnimmt: Facebook, Skype und Co. Die Vernetzung der Menschen in Forsters dystopischer Welt führt schon damals in die Gereiztheit und Vereinzelung, und der Mensch wird vor lauter Automatisierung zum Störfaktor, stellt Reichwein verblüfft fest.