Als eine originelle "Form des literarischen Streetviews" charakterisiert Rezensent Wolfgang Schneider Robert Seethalers raffiniertes erzählerisches Arrangement in "Die Straße". Heimliche Heldin dieses Roman ist folgerichtig die Straße selbst, "scheinbar unscheinbar" bietet sie eine Art Querschnitt menschlicher Erfahrungen: enttäuschte Liebe, üble Gerüchte, Kriegserinnerungen, Obdachlosigkeit, Rassismus, Migration, Brandstiftung und fragwürdige Immobiliengeschäfte. Seethaler lässt seine Erzählung flugs über all diese Geschehnisse und Gespräche hinweggleiten, verknüpft dabei seine knappen Momentaufnahmen geschickt durch wiederkehrende Motive und Begriffe, lesen wir. Zum Anfang mögen einige der oft namenlosen Stimmen noch etwas gespensterhaft wirken, so der Kritiker, doch nach und nach entfaltet sich vor den Lesenden eine Art literarisches "Wimmelbild" voller klarer, schillernder Charaktere und Verbindungen. Verkürzungen sind zwangsläufig integraler Bestandteil dieser Erzählweise, erkennt Schneider. Ins Gefühlsselige kippen sie nur einmal, in der Erzählung einer verliebten Floristin. Doch dies scheint der Rezensent diesem Autor ohne weiteres nachsehen zu können, der hier seine Kunst der Darstellung komplexer Mikrokosmen zur Perfektion bringt.