Einen faszinierenden Roman liest Rezensentin Nora Karches. Die Psychologin Anna Felnhofer hat in diesem Buch eine literarische Entsprechung für das Phänomen der Gesichtsblindheit gefunden. Bezeichnet wird damit ein Krankheitsbild, bei dem die Betroffenen Gesichter nicht klar wahrnehmen und zuordnen können, sie nur als eine Ansammlung disparater Merkmale wahrnehmen. Gesichtsblind ist in diesem Fall Jakob, erzählt wird dessen Geschichte von Johanna, die ein gemeinsames Kind mit ihm hat, das bei einem Unfall stirbt, während Jakob in unmittelbarer Nähe war. Der Roman kehrt immer wieder zu dieser Schlüsselszene zurück, ergibt aber ansonsten kein Ganzes, ist formal ebenso disparat wie Jakobs Wahrnehmung. Vor allem die Erzählperspektive fasziniert die Rezensentin: Johanna ist keine neutrale Beobachterin, wir können ihr nicht komplett trauen. Eben deshalb gelingt es Felnhofer, einen Eindruck zu vermitteln von der Wahrnehmungswelt eines Gesichtsblinden, dessen Welterleben uns in mancher Hinsicht für immer fremd bleiben wird. Insgesamt wird das zu einem starken Stück hochreflexiver Literatur, heißt es am Schluss, zu einem Buch, das "stets neue Interpretationen seiner selbst anbietet".