Merklich berührt wirft Susanne Mayer von Ishiguros neuem Roman aus einen Blick zurück auf seine bisheriges Werk und schält ein grundlegendes Thema heraus: der Einzelne inmitten der "gesellschaftlichen Ödnis". Seine Figuren erinnern sich, rechtfertigen sich, versuchen, ihre Existenz "im Netz ihrer Erzählung aufzufangen" - hier ist es eine junge Frau, die auf ihre Kindheit in einem Internat zurückblickt, in einer ländlichen englischen Idylle. Sie und ihre Mitschüler sind elternlos, aber keine Waisen, sondern Klone, gezüchtet als Organlager, aber voller Sehnsucht und Seele wie natürlich gezeugte Menschen. Das Internat wird in der Erinnerung zum "Kosmos klebriger Beziehungen", isoliert von jeder Art von gesellschaftlicher Umgebung. Ishiguro gehe es nicht um Technologiekritik, noch nicht einmal um Moral, sondern "um die Reinheit des Herzens". Mayer bewundert das zarte sprachliche Kleid von Ishiguros Figuren, jener "Klang von Stille", der seinen Büchern eines derartige, wie die Rezensentin befindet, "betörende Wirkung" verleiht.