Dagmar Herzogs Buch über die Sexualität der Deutschen von 1933 bis in die 70er Jahre dreht sich um die zentrale These, dass die Sexualmoral der Nationalsozialisten keineswegs so repressiv war, wie sie die Studentenbewegung später hingestellt hat, konstatiert Sven Reichardt. Die Autorin zeige, dass die NS-Sexualpolitik tatsächlich ziemlich freizügig war und zu vorehelichem und außerehelichem Sex geradezu ermuntert habe, erklärt der Rezensent, der die "Paukenschläge", mit denen Herzog ihr Buch eröffnet zwar durchaus überzeugend und interessant findet, dem aber die darin steckende "Ambivalenz" entschieden "zu kurz" kommt. Die "Kehrseite" der Freizügigkeit war nämlich die Kriminalisierung von Abtreibung und Homosexualität, da die NS-Sexualmoral vor allem auf die Erhöhung der Geburtenrate zielte, wie Reichardt betont. Insgesamt findet er, dass die Autorin die sich wandelnde deutsche Sexualität zu einer "lesenswerten Diskursgeschichte" verarbeitet hat, doch bemängelt er, dass weder das "theoretische Prinzip" noch die argumentative Intention klar wird. Auch die Unterscheidung zwischen theoretischen Verhaltensvorschriften und tatsächlichem Sexualverhalten sind ihm nicht deutlich genug, wie er kritisiert. Letztlich überzeugt ihn auch die These nicht recht, dass "allein das Erbe" der Nazis die deutsche Sexualpolitik determiniert habe.