Rezensent Oliver Jungen lernt viel über die bundesdeutsche Medienwelt aus diesem Buch. Der Soziologe Siegfried Weischenberg untersucht in demselben um die 100 Autobiographien von Journalisten aus der Nachkriegszeit sowie der Zeit zwischen den Weltkriegen. Es geht ihm darum, herauszufinden, wie der Bruch in der deutschen Presselandschaft, der durch die Vertreibung und Tötung jüdischer Journalisten in der Nazizeit entstanden ist, sich im subjektiven Erleben der Beteiligten - der jüdischen wie der nichtjüdischen - artikuliert. Im Falle der nichtjüdischen fällt Weischenberger auf, wie häufig sie ihre eigene Biographie beschönigen und damit ein weiteres Mal Schuld auf sich laden. Als Beispiele nennt er Elisabeth Noelle und Karl Silex, die in der Nazizeit für Systemmedien gearbeitet hatten, hinterher jedoch von nichts eine Ahnung gehabt haben wollten. Gegenbeispiele gibt es auch, aber nicht viele, eines davon ist Helene Rahms, die ihre eigene Komplizenschaft eingesteht. Jungen liest das alles interessiert und er freut sich auch über jede Menge lebendige Anekdoten aus der publizistischen Vergangenheit; nur etwas mehr Gegenwartsbezug, zum Beispiel auch mit Blick auf den Hang des gegenwärtigen Pressewesens zur unverhältnismäßigen Israelkritik, hätte er für angebracht gehalten.