Karl-Markus Gauß weiß gar nicht, was erstaunlicher ist: dass ein so düsterer und kritischer Roman wie Gabriela Adameșteanus "Verlorener Morgen" während der Ära Ceausescus veröffentlicht werden konnte, oder dass es fünfunddreißig Jahre dauerte, bis dieses "Meisterwerk der europäischen Erzählkunst" endlich auf Deutsch herauskommt. Ausgesprochen kühn erscheint dem Rezensenten schon die Struktur des Romans, der in einen im Bukarest um 1980 spielenden, einen einzigen Tag erzählenden Rahmen einen Binnenroman einfügt, der in die Jahre 1914 und 1916 zurückführt. Für den historischen Teil, in dem es um die Rolle Rumäniens im Ersten Weltkrieg geht, ist eine profunde Kenntnis der rumänischen Geschichte durchaus hilfreich, meint Gauß. In der griesgrämigen alten Vica, von der Adameșteanu in der Rahmenhandlung erzählt, erkennt der Rezensent eine "Bukarester Verwandte" von Molly Bloom aus James Joyce' "Ullysses". Wie Ruth Wemme ihren "Sprachrausch" ins Deutsche übersetzt hat, ringt Gauß ein Lob ab.