So viel hätte schief laufen können in Edgar Selges ambitioniertem Roman, in dem sich der Erzähler in den Dialog schreibt mit einem Toten, denkt sich Rezensent Christoph Schröder. Herausgekommen ist jedoch ein mutiges komplexes Buch, rundum gelungen, ja "brillant", freut sich der Kritiker. Der Tote, dem sich Selge hier schreibend annähert, heißt Jura Rjabinkin. In den 1940er Jahren kam er während der Belagerung Leningrads ums Leben, weiß Schröder. Er ist gerade 15 Jahre alt, als er in seinem Tagebuch vom Leben in der eingekesselten Stadt zu berichten beginnt. In "Juras letzter Winter" beginnt der Erzähler ein literarisches Gespräch mit dem klugen, belesenen Jungen. Dass dieses anspruchsvolle und mehrfach reflektierte Experiment so gut aufgeht, liegt laut Kritiker vor allem daran, dass Selge zwei Schwierigkeiten meistert: Zum einen gelingt es ihm, den jugendlichen Jura als Figur lebendig zu machen. Zum anderen findet er über Erinnerungen an die eigene Jugend des Erzählers die entscheidende Schnittstelle zwischen diesen beiden, so unterschiedlichen Leben: Es ist die Gewalt, die sie verbindet, eine Gewalt, die nicht mit der Kriegsgeneration endet, sondern sich fortpflanzt, sich einschreibt, erklärt Schröder. Selges Schilderungen dieser Gewalterfahrungen aus dem Alltag Juras und seines Erzählers wirken auf ihn oft schockierend. Mit seinem Roman jedoch setzt der Autor dieser Gewalt und allem, was ihr folgt, trotzig etwas entgegen, erkennt der berührte Rezensent: Schönheit, Verbindung und Humanität.