In seinem zweiten autofiktionalen Roman erinnert Edgar Selge an den Jugendlichen Jura Rjabinkin, der bei der deutschen Blockade in Leningrad verhungert ist, liest Rezensent Michael Eggers. Jura hat im Winter 1941/1942 ein Tagebuch geführt, in dem er vom Kampf gegen den Hunger berichtet, von den Gewissensbissen, die er hat, wenn er schon auf dem Nachhauseweg an der Essensration knabbert - hier schaltet sich Selge als Erzähler ein, erklärt Eggers, mit "schonungsloser Offenheit" fragt er sich, ob er das als Wohlstandsdeutscher überhaupt nachvollziehen kann. Das "hungrige Zucken einer Gaumenmuskulatur", die unterversorgt ist, der nie zu stillende Hunger kommen in den Zitaten des Tagebuchs zum Vorschein, die Selge integriert, lesen wir. Vor allem aber führt er einen gedanklichen Dialog mit Jura, reflektiert die eigene Verantwortung und übt sich in Selbstkritik: 2022 hat er einen offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine unterschreiben, was er mittlerweile bereut, wie der Kritiker liest. So ist das Buch für ihn auch eine "eindrucksvolle, öffentliche Abbitte", in der Selge in der Annäherung an Jura auch die eigene Jugend noch einmal mit anderen Augen sieht. Trotz einiger mit Literaturzitaten und philosophischen Überlegungen überfrachteter Passagen ein lesenswertes Buch, das den verhungerten Jugendlichen wenigstens in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt.