Wer bisher an Raymond Carvers schriftstellerischem Können Zweifel hegte und die Ursache seines literarischen Rufs eher seiner Biografie oder sogar seinem Lektor Gordon Lish zuschrieb, wird nun eines Besseren belehrt: "Carver schreibt wirklich gut, beängstigend gut, und seine Short Storys gehören fraglos zu den besten des Genres", meint Jürgen Brocan. Die Erzählungen in "Kathedrale" seien unredigiert und viel besser, als die von Lish bearbeiteten. Sie sind weniger spektakulär und verzichten auf äusserliche Effekte, was paradoxerweise zu einer eindringlicheren Wirkung führe, stellt der Rezensent fest. Carvers Thema, das sich durch sämtliche Erzählungen zieht, sind die Alltagsbanalitäten, erklärt der Rezensent, und unter dem zuweilen sehr amerikanischen Kolorit komme eine allgemeine existentielle Leere zum Vorschein, in die man nur stürzen könne, führt er aus. Carver sei auch ein Meister der ersten Sätze. Brocan bewundert, wie sie mitten ins Geschehen springen. Die eigentlichen Erzählungen seien "die grossen Löcher", "jene Tragödien, die sich hinter der mitgeteilten Handlung abspielen". Dabei enthalte sich der Autor jeglicher Kommentare oder Wertungen, nebensächliche Einzelheiten erreichten zuweilen sogar eine symbolische Ebene. Der Übersetzer habe, trotz einiger holpriger Stellen, den lakonischen Stil Carvers sehr gut getroffen, und schon jetzt freut Brocan sich auf den vierten Band dieses Autors mit Erzählungen aus Literaturzeitschriften und bisher unveröffentlichtem Material.