Das siebenaktige Drama "Sakuntala" des Sanskrit-Autors Kalidasa, das aus dem vierten Jahrhundert stammt, besetzt für die indische Dramenliteratur mindestens den Rang wie für uns ein Stück von Shakespeare. Schon Goethe und Herder waren völlig hingerissen von dem Drama, das auf das Mahabharata-Epos zurückgeht, informiert Claudia Wenner. Als erster Deutscher habe Johann Georg Forster das Stück übersetzt, erklärt die Rezensentin, aber er musste auf die englische Übersetzung des Orientalisten William Jones zurückgreifen, der zugunsten einer beabsichtigten Aufführung größere Eingriffe am Text vornahm. Seither habe es keine gelungene, philologisch genaue Übertragung ins Deutsche mehr gegeben. Um so mehr begrüßt Wenner die jüngste Arbeit von Albertine Trutmann, die "einen ganz neuen Ton anschlägt". Trutmann gelingt es, lobt die Rezensentin, die Sprache einerseits zu entschlacken, andererseits zu verdichten und das Fremde zu bewahren. Dabei orientiere sich die Übersetzerin nicht an der Forsterschen Vorlage, sondern an neueren Übersetzungen aus dem englischen und französischen Raum. Zugleich vermittele sie in ihrer Einleitung Kenntnisse indischer Dramentheorie und Theaterpraxis, ohne die dieses Meisterwerk der klassischen indischen Literatur nicht zu verstehen sei. Insofern empfiehlt Wenner die indische Lesemethode: langsam und mit Sorgfalt.