Martin Puchner stellt sich in seiner neuen Kulturgeschichte einer gewaltigen Aufgabe, und meistert sie mit Bravour, findet Rezensent Martin Hubert. Wie Kultur gerade durch Austausch, durch Aneignung "geschichtsmächtig" werden kann, heißt Geschichte schreiben, heißt zur Schaffung neuer, geteilter Räume beitragen kann, fragt Puchner in seinem Buch. Zur Beantwortung dieser Frage zieht der Literaturwissenschaftler zahlreiche Beispiele aus aller Welt heran, lesen wir. Dabei geht es ihm weniger um Vollständigkeit, als darum, ein neues Verständnis von Kultur zu schaffen: Kultur als "Recyclingprojekt", wie Hubert es ausdrückt. Auf sehr anschauliche Weise verfolgt der Autor dafür einige der überraschendsten, "verschlungenen Pfade" kulturellen Austauschs, etwa zwischen muslimischer und christlicher Kultur oder auch zwischen den Kulturen von Unterdrückten und Unterdrückenden. Dass er dabei die negativen Aspekte kultureller Aneignung zwar erwähnt, aber nicht ausreichend beleuchtet, könnte man ihm vorwerfen, stellt der Rezensent fest. Allerdings konzentriert sich der Autor nicht umsonst auf die positiven Effekte: Gerade in Zeiten zunehmender nationaler und kultureller Isolation erinnert er eindrücklich an die Potenziale der internationalen kulturellen Verständigung, so der Rezensent.