Die erste vollständige Prosa-Übersetzung aller 154 Sonette Shakespeares bietet vorliegender Band des renommierten Anglisten und Übersetzers Klaus Reichert, berichtet Rezensent Kurt Tetzeli von Rosador. Als das vorrangige Ziel Reicherts nennt er dessen Intention, den Texten relative Eigenständigkeit zu verleihen, um ein entautomatisiertes Lesen und Verstehen zu erreichen und die Texte "dem Unerhörten und Fremden, dem Widerspenstigen und Unruhigen" (Reichert) zu öffnen. Diese Intention sieht Tetzeli von Rosador bei Reichert durch Zweierlei zumindest teilweise durchkreuzt. Zum einen durch die Druckanordnung des Textes - zweisprachig, Shakespeare links, Reichert rechts -, durch die die Lektüre automatisch vergleichend wird, womit die Übersetzung an Eigenständigkeit verliert. Zum anderen durch Reicherts Rhetorik, den Einsatz von Inversionen, Elisionen, Emphasen, erlesenen Wörter und nicht zuletzt Reimen. Der Rezensent sieht darin genau die Mittel, "mit denen die Epigonen der Romantiker ihre Texte gefühliger gemacht, sie 'poetisiert' haben". Sie schafften jenes Wohlgefühl, "das sich im Wissen suhlt, Poesie vor sich zu haben, und das den Verstand benebelt." Allerdings räumt Tetzeli von Rosador ein, dass Reicherts Übersetzungen als Gegengewicht auch "ausreichend Sperriges" in Wortwahl, Syntax und Rhythmus zu bieten haben. Mit der Antwort auf die Frage, für wenn denn nun diese Übersetzungen gedacht seien, schließt der Rezensent: "Für niemand, der Fertiges will, sei es Verständnishilfe oder Prosagedicht. Für alle, denen Sprachexperimente wichtig sind, denen auch das Unzulängliche Ereignis zu werden vermag."