Völlig zu Recht hat Michael Lentz für "muttersterben" im vergangenen Jahr in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten, schreibt Sibylle Birrer. Dieses Prosastück des nicht mehr ganz jungen Autors, Jahrgang 1964, das eine biografische Grenzerfahrung, nämlich den Tod der Mutter, auf kühne und scheinbar kühle Weise sprachlich umkreist, gibt Birrer zufolge den Grundton des ganzen Buches an: das Suchen nach einer Sprache in einer Sprache, die "immer schon alles enthält", so Birrer, "Ernst und Spiel, Tradition und Innovation". Mit Avantgarde hat das ihrer Meinung nach nichts zu tun, auch wenn Lentz konsequent Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion ignoriert. Den Dichter bewegt das semantische Baumaterial, sagt Birrer, so wie er seine Worte und Sätze rhythmisiert, auf- und ineinander schichtet und wieder umschichtet. Lentz hat Germanistik studiert, erfahren wir, und über Lautpoesie promoviert, er ist aber auch Musiker und tritt als Interpret seiner eigenen Texte auf. Nicht alle Texte im Band sind so gut wie "muttersterben", meint Birrer, manche wirken nur mäßig durchgearbeitet auf sie, was ihr bei einem solchen poetischen "Trial-and-Error"-Verfahren durchaus verzeihlich erscheint.