Anlässlich der Erscheinung des in der FAZ bereits vorabgedruckten Romans von Michael Kumpfmüller tut die Zeitung etwas, das sie, worauf ausdrücklich hingewiesen wird, nur in Fällen vom Kaliber Heiner Müller, Böll oder Handke tut: sie bringt eine Doppelrezension. Berliner-Seiten-Chef Florian Illies äußert sich pro, Eberhard Rathgeb kontra.
1) Pro:
Die Generation Golf übt sich im literaturpäpstlichen Ton. Keinen Zweifel möchte Rezensent Florian Illies an der Bedeutung dieses Romans lassen und verkündet nach einer langen Lobeshymne zuletzt noch mit Pauken und Trompeten: Es sei ein grandioses Buch "eines großen neuen Autors über Deutsch-Deutschland nach 1945". Gelobt wird die Fabulierlust des Autor, die "Beiläufigkeit", mit der er die private vor dem unaufdringlich anwesenden Hintergrund der großen Geschichte erzähle. Rühmenswert sei die Sprache, weil sie nämlich "ruhig und klar und whiskeyfarben" ist, und klug sei der Verzicht auf lineare Chronologie. Wunderbar findet Illies die "Klammereinschübe" des ersten Drittels, schade sei nur, dass sie mit zunehmender Dauer verschwinden, dass allzuviele Briefabschnitte den Rhythmus etwas aus dem Tritt bringen. Dies aber, so Illies, bleiben kleine Einwände gegen ein großes Buch.
2) Kontra:
Das ist das richtige Buch für "die neue Berliner Mitte", findet Kontra-Rezensent Eberhard Rathgeb, und er meint das nicht als Kompliment. Symptomatisch sei es für eine - man muss wohl ergänzen: leichtfertige und verharmlosende - "Versöhnung mit der deutschen Geschichte", mit der Geschichte Ostdeutschlands insbesondere. Kumpfmüller bediene sich zur Erlangung dieses Zwecks eines Erzählergestus, der den Rezensenten an Volksmusik erinnert und ein wenig sauer nach Erbsensuppe duftet. Zudem sei es mit Hampel, der Hauptfigur, nichts Rechtes geworden, denn zum Schelm fehle ihm die Seele. Stattdessen: "statistisches Bundesamt". Kein gutes Haar lässt Rathgeb der Vollständigkeit halber an der sonst viel gelobten Sprache: was erotisch gemeint ist, gelangt über den Appeal der "Beschreibung von Versandhauskatalogunterwäsche" nicht hinaus, und im Umgang mit Historischem gerät Kumpfmüllers Sprache zu kuschelweicher "Familienalbum"-Prosa, zürnt der Rezensent.