Was macht die Realität mit dem Schriftsteller, fragt Andrea Köhler, die weiß, dass Martin Walser für seine Heldin Susi Gern ein reales Vorbild hatte. Vor allem hat sie ihm die "Handschellen einer echten Zuneigung angelegt", schreibt Köhler. Weshalb Walser die unaufhörliche Selbstbetrachtung des langsamen körperlichen und seelischen Verfalls seiner Heldin nicht unterbricht, ihr vielmehr mit einem "Beschreibungsfuror" folgt, der der "Wiederholungstobsucht" Susis (sie kauft alles zwei Mal, dafür erzählt ihre Tochter alles fünf Mal) entspricht. "Das muss man aushalten können", schreibt Köhler, die der "Materialrealismus" des Romans manchmal ermüdet. Zumal die "Detailfülle" wohl auch das recht schlichte Gemüt Susis kompensieren muss. Auch die anderen Figuren im Roman sind nicht gerade fein gezeichnet, meint Köhler. So wenig wie das Düsseldorfer "Prada-Milieu", das Walser mit "satirischem Ingrimm" beschreibe. Die "schrillen Schockfarben", in denen er das deutsche Alltagsleben ausmalt, provozieren die Rezensentin gar zu der Frage, ob es sich hier womöglich um einen "verkappten Pop-Roman" handelt? Furios, radikal, polemisch bis zum Hohn ist dieses Buch für Köhler. Und was den "Schlund der Ausführlichkeit" angeht, in den Walser am Ende seine Susi Gern stürzen lässt: Vielleicht hat sie ja Recht, und das Leben ist wirklich "eine einzige Wiederholung zum Schlechteren".