Ulrich Greiner bespricht in einer umfassenden Rezension die unkorrigierten Fahnen von Martin Walsers skandalträchtigem Roman "Tod eines Kritikers". Der Roman hatte bereits vor Erscheinen eine große Debatte ausgelöst, nachdem die FAZ den Vorabdruck öffentlich abgelehnt hatte mit der Begründung, er spiele mit antisemitischen Klischees. Der im Roman - vermeintlich - ermordete Kritiker ist dem FAZ-Kritiker Marcel Reich-Ranicki nachempfunden. Greiners Urteil lautet nun: der Roman ist "nicht antisemitisch", doch er wäre "besser nicht geschrieben worden". Seine Argumentation setzt sich aus sieben Punkten zusammen. Erstens: Im Unterschied zum tatsächlich verübten Massenmord des Holocausts gehe es hier um die üblichen Eitelkeiten des Literaturbetriebs - "also um nichts". Zweitens: Der Roman, "eine Mischung aus Satire, Pamphlet und Kolportage", sei stellenweise scharfsinnig, überwiegend aber abgeschmackt und rachsüchtig. Drittens: Die antisemitischen Sätze würden im Buch allesamt von verächtlichen Figuren hervorgebracht. Auch im Roman entzünde sich daran eine Antisemitismus-Debatte in den Medien. Der Roman, so Greiner, ist die Vorwegnahme genau der Debatte, die jetzt stattfindet. Viertens: Als Artefakt sei der Roman keineswegs antisemitisch, doch - und hier nimmt Greiner den Autor in die Verantwortung - ein Roman beziehe sich immer auf die Wirklichkeit, mehr noch, er erschaffe eine Wirklichkeit. Fünftens: Walsers naives Entsetzen über die Antisemitismus-Debatte findet Greiner unglaubwürdig. Er unterstellt Walser, dessen Bücher von Marcel Reich-Ranicki oft verrissen wurden, Rachsucht. Sechstens: Walsers Rechtfertigungsbedürfnis gegen die Vorwürfe nach seiner Paulskirchenrede ist hier in trotzige Meinungsfreude ausgeartet und ihm zum Verhängnis geworden. Siebtens stellt Greiner zwei Fragen: Warum hat Walser diesen Roman gerade der Zeitung angeboten, der Reich-Ranicki seit rund dreißig Jahren angehört? Und warum treibt Walser seinen eigenen Verlag, für den auch Reich-Ranicki schreibt, in einen solchen Konflikt? Greiners Fazit: "Die Beteiligten haben unter Missachtung der moralischen Hygiene und zwecks Mehrung ihrer medialen Macht, die sich darin ausdrückt, an der Spitze des Rumors zu stehen, das Antisemitismus-Spiel gespielt. Es ist ein schmutziges Spiel."