Elisabeth von Thadden behandelt in einem klugen, lesenswerten Essay zwei Bücher, die sich mit Biologie und Medizin befassen: `Über-Empfindlichkeit` von Silvia Bovenschen (Suhrkamp) und `Wie man ewig lebt` von David B. Morris (Kunstmann). Thadden fürchtet, dass in der schönen neuen Welt die menschliche Individualität unter die Räder kommen könnte. Beide Autoren dienen ihr als Kronzeugen für ein `Lob auf das Unvollkommene` und als Nebenkläger gegen eine durch und durch `medikalisierte` Welt, die inzwischen sogar das `Schulablehnungssyndrom` oder `Abneigung gegen Schwarze` diagnostizieren kann, wie Thadden verwundert feststellt.
David Morris plädiere in seinem Buch `Krankheit und Kultur` für eine Ethik der Unvollkommenheit, und zwar `ausgreifend, fordernd, material- und wortreich`. Ein schon wegen seines Materialreichtums überwältigender Einspruch gegen das Primat der Biologie, so Thadden. Dagegen hat Bovenschen in ihrem `feinsinnigen, pointierten` Buch über Idiosynkrasien der Merkwürdigkeit des europäischen Individuums ein Denkmal gesetzt, wie Thadden feierlich erklärt: `Eine Stärkung für Sterbliche.`