Wir erfahren, erläutert Dieter Hildebrandt, in diesem "schönen" Band nicht nur etwas über den Genfer Philosophieprofessor und Schöngeist Henri-Frederic Amiel, sondern auch, anhand der hier beibehaltenen Auswahl, viel über ihren einstmaligen Herausgeber Leo Tolstoi. Der, weiß Hildebrandt, hatte 1894 - Amiel war da bereits tot - gerade beschlossen, selber nichts mehr zu schreiben und entdeckte in Amiel einen seiner Säulenheiligen. Einer, der sich gerade zurückzieht, findet zu einem, der "nie im Leben aus sich herausgegangen war"? Paradox, meint Hildebrandt, der Tolstois unbedingte Begeisterung für die penibel geführten Aufzeichnungen des einsamen Pflichtmenschen Amiel zwar nicht ganz nachvollziehen kann, der aber zugesteht: "Immerhin gelingen ihm aus der Position dessen, der vor sich selbst zum kritisch beäugten Außenseiter wird, Zeitdiagnosen, die auch noch nach hundert Jahren Aktualität besitzen (...); in manchem erinnert er dann an die Verve eines Karl Kraus."