Rezensentin Marianna Lieder findet Hanno Sauers geschichtliche Ergründung der Moral in Teilen gewöhnungsbedürftig. Beginnend vor fünf Millionen Jahren erzählt der Philosoph etappenweise die Moralgeschichte als eine "Fortschrittsgeschichte", zur Erleichterung der Kritikerin aber immerhin als eine "pessimistische": So gehe es neben einer stetigen Erweiterung der menschlichen Kooperationsgruppen auch um Ausbeutung, soziale Ungleichheit oder Menschheitsverbrechen. Wie stark sich der Autor an anderer Stelle dann aber auf die umstrittene These des kanadischen Anthropologen Joseph Henrich beruft, der eine Art Sonderstellung und "Denkstil" des Westens aus der katholischen Familien- und Ehepolitik heraus begründe, stößt der Kritikerin doch etwas auf; die berechtigten Einwände gegen Henrich werden ihr zu knapp abgehandelt. Auch der "smarte", leicht "hemdsärmelige" Schreibstil lässt Lieder nicht in Begeisterung ausbrechen. Gut findet sie wiederum, dass Sauer sich klar für emanzipatorischen Aktivismus ausspreche, und auch den teils provokativen Ton stuft sie als "anregend" ein.