Glaubt man Gustav Seibt, dann hat man es hier mit einem der besten Werke deutscher Literatur der letzten Zeit zu tun. Dabei gab es das Buch schon mal: Klüssendorf hat bereits existierende Episoden durch einen neuen Rahmen zu einem Episodenroman verbunden - oder besser in die Schwebe gebracht. Klüssendorf schafft es hier laut Seibt, die Knappheitsästhetik von Short Stories in einen größeren fiktional-autobiografischen Kontext einzubauen, zu dem auch die drei vorher erschienenen Romane "Das Mädchen", "April", "Jahre später" gehören. So präzise und Karg seien Klüssendorfs Schilderungen der Armut, dass sie für Seibt fast etwas Märchenhaftes bekommen. Und die Armut, die hier geschildert wird, so der Rezensent, ist "konkret Schmutz", nichts Abstraktes oder Sentimentalisiertes. Seibt fühlt sich an Annie Ernaux und Tove Ditlevsen erinnert, aber nicht als Vorbilder, denn Klüssendorf kannte sie nicht, als sie schrieb, sondern in der Radikalität, die sie aber noch übertreffe: Denn die von Klüssendorf geschilderte Armut steht nicht in klassenkämpferischem Gegensatz zum Komfort der Privilegierten:in der DDR waren eben alle arm. Diese Ausweglosigkeit hebe Klüssendorf über die anklägerische Schärfe Ernaux', der eben eine moralische Harmlosigkeit korrespondiere, noch hinaus.