Ein wenig "überrascht" es die Rezensentin Anne Kraume, dass Gerhard Henschel, der sonst eher der Satire anhängt, hier einen Briefroman vorlegt, in dem er die deutsche "Alltagsgeschichte" vom Kriegsende bis über die Wende hinaus an der "Lebens- und Liebesgeschichte" eines Paares exemplarisch verdeutlicht. Dabei gehe Henschel allerdings nicht wie Walter Kempowski in seinem "Echolot"-Projekt vor, der in einem breiten Panorama von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen "wissenschaftliche Quellenedition" betreibe, bemerkt Kraume. Henschel verhalte sich, wenn auch die Geschichte eine wahre Geschichte sei, und auch die Briefe echt, eher als "Erzähler", der versuche, die Geschichte unter "geringfügigen" Eingriffen zu "verdichten". Die Briefe, die erst als Überbrückung "räumlicher Distanz" gedacht seien - oft ist das Paar getrennt - und die tatsächlich wirkliche "Nähe" schaffen, werden auch später, als die räumliche Distanz aufgehoben ist, weitergeschrieben, als die Liebe sich zunehmend verflüchtige. Denn "ungestraft", so die Rezensentin, hat man am Wirtschaftswunder nicht teil: In der gemeinsamen Arbeit am Aufschwung geht der "Blick für das Wesentliche" verloren. Jetzt machten die Briefe, indem sie eine "äußerlich Distanz" herstellen, die "innere Distanz" erträglicher. Und so verlaufe zeitgleich mit der deutsch-deutschen Annäherung das schrittweise "Auseinanderleben" der Ehepartner. Zunächst mag die Vielfalt der Stimmen und der Adressaten etwas "sperrig" und störend wirken, so Kraume, doch gerät man unweigerlich in deren Bann, und letztlich sind es wohl genau diese "unterschiedlichen Stimmen", die diese Geschichte so "plausibel und repräsentativ" machen.