Sehr interessant findet Rezensentin Lena Karger das autobiografische Buch von Helene Bracht. Kaum glauben kann sie, ob der Qualität des Textes, dass das hier das Debüt der siebzigjährigen Autorin ist. Diese blickt auf den sexuellen Missbrauch zurück, den sie als Kind erfuhr und die Folgen, die dieses Ereignis für ihr Erwachsenenleben hatte. Analytische Distanz ermöglicht Bracht eine "unaufgeregt-humorvolle, fast schon soziologische Betrachtung" ihrer Erinnerungen. Jahrelang war sie sich über das Trauma, das sie erlebt hatte, kaum bewusst, erklärt die Kritikerin, der Missbrauch wurde in der Familie nicht thematisiert, die Sache war von Scham belastet. Erst nach Jahren erkannte die Autorin im Rückblick, dass die kindliche Traumatisierung einen großen Einfluss darauf hatte, wie sie später Beziehungen führte und dafür sorgte, dass ihr weder eine stabile, langfristige Partnerschaft gelang noch ein erfülltes Sexualleben. Vor allem spannend ist für Karger, dass sich Bracht nicht nur dem Täter widmet, sondern sich auch selbst als Täterin analysiert: Nach Jahren wird ihr von einer Ex-Freundin vorgeworfen, beim Sex grob und rücksichtslos gewesen zu sein - eine psychologisch nachvollziehbare Reaktion auf das Erlebte, meint Karger, das Opfer "imitiert männliches Dominanzverhalten" und reproduziert so Erlebtes. Die Kritikerin findet hier wichtige neue Impulse für eine "festgefahrene Sexismus-Debatte".