"Verräterkind" ist nicht der erste Roman, in dem sich Chalandon mit seinem Vater und dessen Verhältnis zum NS-Regime auseinandersetzt, weiß Rezensentin Dina Netz. Nun jedoch macht der Journalist und Autor dem manipulativen Vater literarisch "den Prozess", wie Netz es ausdrückt. Nach einigen Recherchen des autofiktional angelegten Ich-Erzählers kommt heraus, dass alle Erzählungen des Vaters in Bezug auf seine Rolle im zweiten Weltkrieg erlogen waren. Was diese Erkenntnis in dem Sohn auslöst, wie sehr ihn die Lügen seines Vaters umtreiben, kann die Rezensentin dank Chalandons wunderbar genauen und kompakten Situationsbeschreibungen gut nachempfinden. Besonders scheint sich Netz über eine unvorhersehbare Wendung am Ende des Romans zu freuen. Hier zeigt sich, dass Sorj Chalandon eben nicht nur ein guter Reporter ist, sondern auch ein "großer Romancier", so die begeisterte Rezensentin.