Arno Widmann gesteht, dass er mit Scheu und einer gewissen Furcht an die Lektüre von Philippe Lançons Buch "Der Fetzen" herangegangen ist: "Ich wusste, ich werde ihm nicht gewachsen sein". Lançon ist einer der elf Verletzten, die den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo überlebt haben, allerdings mit schwersten Entstellungen, seine Mund- und Kinnpartie war zerfetzt und musste in 17 Operationen mit Transplantationen rekonstruiert werden, berichtet der Rezensent. Widmann ist erleichtert, dass der Autor das Geschehene nicht als lineare Geschichte erzählt, die sich anbahnt, passiert und dann irgendwann überstanden ist, sondern dass er vielmehr darüber reflektiert und auch den Leser zum Reflektieren bewegt, etwa über die Frage, wie weit man durch Empathie verstehen kann, was Lançon durchmachen musste. Nicht vor Entsetzen muss Widmann das Buch immer wieder beiseite legen, sondern weil ihn präzise Beobachtungen, Beschreibungen oder Bemerkungen zum Innehalten und Nachdenken anregten.